"Cheers, Love!"
Vom Bad Boy zum Gentleman? Ein Vormittag mit Colin Farrell in Beverly Hills
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von Silke BurmeisterWie nett ist Schauspieler Colin Farrell wirklich? Hollywood-Redakteurin Silke Burmeister (m.) hat ihn getroffen.
Bild: IMAGO / Cinema Publishers; Privat (Silke Burmeister)
Journalistin Silke Burmeister lebt und arbeitet seit Jahren in Los Angeles. An eine Pressekonferenz in ihrer Karriere erinnert sie sich bis heute.
Ein Ire mit Charme?
Colin Farrell gehörte Anfang der 2000er auch zu meinen Lieblingsschauspielern. Damals war der charmante Ire nicht nur einer der gefragtesten Schauspieler, sondern auch für sein Bad-Boy-Image bekannt. Umso neugieriger war ich, wie der Mann hinter diesem Ruf heute wohl sein würde.
Früher war Farrell unter anderem für seine ungefilterten Momente auf dem roten Teppich bekannt. Hier diskutiert er 2009 mit einem Fotografen auf dem Toronto International Film Festival. Der Grund: Er soll seine Begleitung, Schwester und Assistentin Claudine (r.), angeschrien haben, aus dem Bild zu gehen.
Bild: picture-alliance/ dpa | Warren_Toda
Alles fake?
Anlass unseres Treffens ist die zweite Staffel der Krimi-Serie "Sugar". Im Four Seasons Hotel in Beverly Hills sitzen an diesem Vormittag rund zwanzig Journalist:innen aus aller Welt. Statt einer klassischen Pressekonferenz entwickelt sich schnell ein Gespräch. Jede:r darf Fragen stellen. Und fast jede Antwort beginnt oder endet mit einem "Thanks, love" oder "Good to see you, darling".
Normalerweise würde man bei so viel Charme irgendwann vermuten, dass er aufgesetzt ist. Bei Colin Farrell wirkt nichts gespielt. Er schaut seinem Gegenüber oft noch einen Moment länger in die Augen, hört aufmerksam zu und antwortet erst dann.
Einmal Ire, immer Ire
Die Atmosphäre ist locker. Persönlich. Fast so, als säßen alte Bekannte zusammen. Das zeigt sich, als eine japanische Kollegin wissen möchte, ob es für ihn nach mehr als zwanzig Jahren in den USA noch Momente gebe, in denen er sich besonders irisch fühle.
"Ich glaube, ich fühle mich jeden Tag irisch", sagt er. Doch statt gleich zur nächsten Frage überzugehen, fragt er nach ihren Erfahrungen als Japanerin in Los Angeles. Für einen Moment ist von der üblichen Distanz zwischen Star und Journalist:innen nichts mehr zu spüren.
Dieser Film spielt in seiner Bad-Boy-Ära
Wir haben so viel gemeinsam
Wenig später spricht Colin Farrell über seine ersten Jahre in Los Angeles. Ein Satz bleibt bei mir besonders hängen: "Als ich im Jahr 2000 hierherkam, fühlte ich mich schrecklich einsam".
Ich muss sofort nicken. Auch ich kam 2000 nach L.A. Und genau dieses Gefühl kenne ich. Diese Stadt ist aufregend wie kaum eine andere. Sie zieht Menschen aus der ganzen Welt an, die alle ihren eigenen Traum verfolgen. Gleichzeitig kann sie sehr einsam sein. Freundschaften entstehen hier oft langsamer als anderswo. Man braucht Geduld. Und irgendwann geht etwas von ihrem Zauber auf einen über. Los Angeles wird zur Heimat.
LA-Insider-Tipps von Colin Farrell
Inzwischen nennt auch Colin Farrell die City of Angels sein Zuhause. Er lebt in Los Feliz, einem Stadtteil direkt neben Hollywood.
"Ich wohne in der Nähe des Griffith Parks", erzählt er. "Der ist wirklich etwas Besonderes. Mitten in einer Stadt, die so chaotisch und voller Beton ist wie Los Angeles, gibt es dort knapp 2.500 Hektar Natur - mit Kojoten, sogar Berglöwen, Waschbären und Wanderfalken. Das finde ich wunderschön. Es ist einfach ein ganz besonderer Ort. Und dort gibt es Tausende Wanderwege."
Wer die Gegend kennt, versteht sofort, warum er diesen Ort liebt. Ich wohne gleich nebenan, in Silver Lake. Zwischen unseren Vierteln liegt gerade einmal ein Hügel. Da wird mir bewusst, wie klein Los Angeles sein kann. Eine Freundin von mir begegnet Colin immer wieder in ihrem Lieblingscafé in Los Feliz. Ein anderer Freund, der in Beverly Hills einen Dönerladen besitzt, hat ihn schon mehrfach bedient. Ein Bekannter war sogar einmal mit ihm Motorrad fahren.
Colins Must-Haves auf Reisen
Als ich schließlich an der Reihe bin, interessiert mich weniger die Serie als der Mensch dahinter. Ich möchte wissen, was auf monatelangen Dreharbeiten in seinem Koffer nie fehlen darf, damit sich ein fremder Ort trotzdem ein bisschen nach Zuhause anfühlt.
Er muss nicht lange überlegen. Fast überallhin begleiten ihn Gedichtbände irischer Autoren wie W. B. Yeats oder des amerikanischen Lyrikers E. E. Cummings. Manchmal, sagt er lachend, reise er sogar mit Büchern, die er unterwegs gar nicht lese, weil es ihm während eines Drehs schwerfalle, sich neben dem Drehbuch auf etwas anderes zu konzentrieren. Und trotzdem gehörten sie in seinen Koffer.
Dann nennt er noch zwei weitere Dinge: ein Spielzeugauto von einem seiner Söhne und ein Stück Marmor aus seiner Heimat. Er grinst. "Ups, jetzt habe ich wohl ein bisschen zu viel verraten."
Gedichtbände, kleine Glücksbringer und Erinnerungen an seine Familie - nicht unbedingt das, was man früher mit einem der bekanntesten Bad Boys Hollywoods verbunden hätte. Auch seine zwanzig Jahre ohne Alkohol werden zum Thema. Schließlich hat er in jungen Jahren Interviews gerne mit einem Bier in der Hand geführt. Im Raum wird es still.
Nüchternheit, Demut und das Bad-Boy-Erbe
"Ich werde oft gefragt, ob ich stolz darauf sei, seit so vielen Jahren nüchtern zu sein", sagt er. "Aber ich meine das wirklich ernst: Ich empfinde keinen Stolz. Ich empfinde nur Dankbarkeit. Ich habe keine Ahnung, warum es bei mir funktioniert hat. Ich kenne Menschen, die viel härter gekämpft haben als ich und es trotzdem nicht geschafft haben. Warum also ich? Soll ich stolz darauf sein, dass ich es geschafft habe?"
"Fuck no", antwortet er.
Ein kleines bisschen Bad Boy scheint also doch noch in ihm zu stecken.
"Cheers, Love"
Selbst nachdem die offizielle Fragerunde längst beendet ist, bleibt Colin noch. Er macht Fotos, unterhält sich herzlich weiter und nimmt sich für jeden noch etwas Zeit. Auch für mich. Zum Abschied höre ich noch ein "Cheers, Love." Natürlich weiß ich, dass er das nicht nur zu mir sagt. Und trotzdem schafft er es, dass es sich genau so anfühlt.
Mehr Filme mit Colin Farrell
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
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