Was darf Satire?
Kann "Die Anstalt" was verändern? Claus von Wagner, Maike Kühl und Max Uthoff im exklusiven Interview
Aktualisiert:
von Martin HaldenmairIn Folge 100 diskutieren Max Uthoff, Maike Kühl und Claus von Wagner (v.l.n.r.) mit dem Publikum.
Bild: ZDF/ Jens Hartmann
"Die Anstalt" ist Pflichtprogramm für Fans des politischen Kabaretts. Wenige Sendungen trauen sich an zum Teil so bittere Themen heran - und schaffen es denn auch noch, diese unterhaltsam und komisch zu erklären. Vor der hundertsten Folge geben uns Claus von Wagner, Max Uhtoff und Maike Kühl Einblick, wie sie das schaffen.
Das erste Mal war schlimm für Claus von Wagner, also das erste Mal auf der Bühne von "Die Anstalt": Es war ein Gastauftritt 2007, da stand die legendäre Show "Neues aus der Anstalt" noch unter der Leitung von Urban Priol und Georg Schramm. Der Auftritt lief gut, gerade weil er seine Anspannung gut in seine Rolle als Paranoiker einbauen konnte.
Inzwischen hat Claus von Wagner keine Angst mehr vor der "Anstalt"-Bühne, was auch gut ist, denn seit 2014 leitet er zusammen mit Max Uthoff die Show. 2024 stieß Maike Kühl als ständiges Ensemblemitglied hinzu. Auch bei ihnen ist das anfängliche Lampenfieber zurückgegangen. Entspannt ist der Auftritt aber nie.
Zu Recht: "Die Anstalt" ist für Kabarettfreunde nicht nur eine Sendung, sondern eine Institution, über die sie sich informieren. Die drei Moderator:innen haben es geschafft komplizierte politische und wirtschaftliche Verflechtungen unterhaltsam aufzudröseln - und nun erwarten die Zuschauerinnen und Zuschauer das immer.
Ärger bekommen sie dafür gelegentlich auch, wie nun zur 100. Folge, als die Musiker Danger Dan und Igor Levit von höherer Stelle ausgeladen wurden.
Jeder Folge geht eine intensive Phase des Recherchierens und Textens voraus, bei der am Ende alle drei sich einig sein müssen. Claus von Wagner erklärt die Einigkeit mit dem "Wunder der Deadline", Maike Kühle ergänzt, dass sie zumindest in Sachen Humor alle drei gleich ticken während Max Uthoff meint, es ginge alles schneller, wenn die anderen auf ihn hören würden.
Was aber treibt sie an, über so viele Folgen hinweg die Weltlage zu beklagen? Das beantworten die Kabarettist:innen im Interview mit "Behind the Screens".
Die Weltlage ist nicht gerade einfach. Wollen die Leute dann noch politisches Kabarett sehen? Oder vielleicht gerade dann?
Max Uthoff: Die Weltlage ist nie einfach und das Kabarett immer überfordert. Es gab und gibt immer genug Leute, die an diesem Scheitern ihre Freude haben.
Claus von Wagner: Die Aufgabe von Satire hat sich ein bisschen verändert. Jetzt, wo die Welt brennt, muss man nicht noch Öl ins Feuer gießen, sondern eher einen Rahmen bieten, durch den man das Durcheinander vielleicht etwas analytischer betrachten kann. Ein Framing, aber eben auch eine Art emotionalen Support. Kabarett wird ja oft vorgeworfen, dass es nur "preaching to the choir" betreibt, also den Leuten das erzählt, was sie ohnehin schon wissen. Aber das ist manchmal eine ganz wichtige Aufgabe, damit Menschen sich mit ihren politischen Überzeugungen nicht ganz alleine fühlen.
Maike Kühl: Ja und ja. Die Gleichzeitigkeit der Krisen und die Vielfalt an Informationen, die wir darüber erhalten, fordern die Menschen enorm heraus. Diese Ambivalenz ist schwer zu ertragen. Ich glaube, dass dem großen Interesse an Kabarett und Satire eine tiefe Sehnsucht nach Einordnung zugrunde liegt. Und natürlich nach guter Unterhaltung!
Claus von Wagner (links als Robert Habeck, rechts als Angela Merkel) fing schon zu Studienzeiten mit Kabarett an
Bild: ZDF
Gibt es eine Folge, von der Ihr sagt: Ja, die hat etwas bewegt?
Maike Kühl: Erst kürzlich haben wir uns in der Anstalt mit Prostitution beschäftigt. Ich glaube, so gründlich wurde dieses Thema in der Satire noch nie beleuchtet. Und ganz losgelöst davon, ob man mit unserer Meinung nun mitgeht oder eben auch nicht, diese Folge hat in jedem Fall bei vielen Zuschauer:innen eine Diskussion ausgelöst. Und genau darum geht’s doch in der Satire.
Max Uthoff: Die Umwälzung des Systems mit humoristischen Mitteln wird uns wohl nicht mehr gelingen. Aber manchmal wirken wir vielleicht doch, im Kleinen. Nach der Prostitutions-Anstalt zum Beispiel haben mir mehrere Männer erzählt, dass sie jetzt anders über das Thema denken.
Claus von Wagner: Da würde ich jetzt nicht eine einzelne Folge herausgreifen, sondern insgesamt feststellen, dass wir bemerkenswert oft angesprochen werden, dass das "Schauen der Anstalt" Menschen politisiert habe. Und es ist großartig mitzuerleben, was sie daraus machen. Ob sie tatsächlich einen Ortsverein gründen, einer NGO beitreten oder sich selber für geflüchtete Menschen einsetzen. Da bin ich wirklich im Ernst voller Demut und kann eigentlich auch nicht mehr guten Gewissens behaupten, dass wir nichts bewirkt hätten.
Maike Kühl, links als Katherina Reiche, rechts als Heidi Reichinnek war ab 2019 häufiger und wandlungsfähiger Gast in der "Anstalt". Seit 2024 gehört sie fest zum Ensemble.
Bild: ZDF
Auf welche Folge seid Ihr ganz besonders stolz?
Maike Kühl: "Freunde des Patriarchats". Hierfür gab’s den Deutschen Fernsehpreis für das beste Buch. Ich habe relativ spät angefangen, eigene Texte zu schreiben und mich lange davor gescheut, mich Autorin zu nennen. Ich glaub, ich wär jetzt so weit.
Claus von Wagner: Das ist zwar schon länger her … aber die Folge, in der Max und ich Newton und Scheuer erfunden haben. Da ging es darum, einen recht technischen Prozess zu erklären: Woher kommen eigentlich Grenzwerte für Dieselabgase? Diese technische Erklärung hatten wir zwar in Rede und Gegenrede vorliegen, aber sie war noch nicht wirklich lustig. Also haben wir nach einem Menschen gesucht, der für Naturwissenschaften steht. Und einen ... der dafür nicht steht. Und wer könnte da besser passen als Isaac Newton und Andreas Scheuer? Ein größeres Gegensatzpaar ist eigentlich nicht denkbar. Diese Kombination war ein Geschenk der Comedy-Göttin. Hier der Weißclown Newton, dort der dumme August Andreas Scheuer. Die Nummer schau ich mir heute noch an und muss selber lachen!
Max Uthoff: Stolz ist mir häufig suspekt. Ich hatte besonders große Freude an der Folge Grand Hotel Europa über die EU, an unserem Aufruf zur Klage gegen das deutsche Leiharbeiter-Gesetz, an dem Umstand, dass ich die linkeste Socke auf deutschen Kabarettbühnen, die tolle Lisa Politt zweimal ins deutsche Fernsehen schmuggeln durfte, dass die Auschwitz-Überlebende Esther Béjarano nach meiner Führerparodie sagte, ich sei ein "wunderbarer Hitler", an der einen Folge mit ... ehrlich, es sind ganz schön viele.
Max Uthoff in zwei seiner Paraderollen als unbelehrbarer Merz und als an der Dummheit der Leute verzweifelnder Isaac Newton
Bild: ZDF
Gibt es eine Folge (oder einen Beitrag), die oder den Ihr heute anders machen würdet?
Claus von Wagner: Also die Folge über die Ukraine und die Situation auf dem Maidan würden wir heute anders gewichten.
Max Uthoff: Ja, in der zweiten Sendung haben wir zu einseitig über die Revolution auf dem Maidan gesprochen und den Beitrag der Amerikaner und die innenpolitische Lage falsch gewichtet. Das sehe ich heute anders.
Ganz banal: Macht es noch Spaß?
Maike Kühl: Aber hallo!
Claus von Wagner: Na logo! So viele Leute arbeiten daran, dass die verrückten Dinge, die wir uns ausgedacht haben, tatsächlich ausgestrahlt werden! What’s not to love? Neulich habe ich bei "Saturday Night Live" gesehen, wie sie unter Livebedingungen einen Treppensturz gespielt haben. Da habe ich nur zum Spaß gesagt: Wollen wir das nicht auch machen? Und am Ende ist Katherina Reiche dann tatsächlich im Studio ihre eigene Bio-Treppe runtergefallen. Das war ein Heidenspaß.
Max Uthoff: Das tut es! Dieser Job ist ein wunderbares Privileg. Wir regen uns wie alle über Missstände auf, nur werden wir dabei wahrgenommen und dafür bezahlt.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
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