"Galileo" fragt nach

Gedopte Athleten bei den Enhanced Games: Sind sie nur Versuchskaninchen?

Veröffentlicht:

von Alena Brandt

Galileo

Legales Doping? 8 Fragen an den Enhanced-Games-Teilnehmer Marius Kusch

Videoclip • 17:06 Min • Ab 12


Doping ist bei den Enhanced Games nicht verboten, sondern ausdrücklich erlaubt: Athlet:innen dürfen Substanzen nehmen, um neue Rekorde aufzustellen. Einer von ihnen ist der deutsche Schwimmer Marius Kusch. Im "Galileo"-Interview packt er aus. Geht es noch um Sport oder sind die Teilnehmenden nur Versuchskaninchen?

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Hohe Gewinne winken: Warum Athlet:innen das Risiko eingehen

Gedopte Bestleistungen anstelle eines fairen Wettkampfes: Das Konzept der Enhanced Games stellt die Grundprinzipien des Sports auf den Kopf. Denn hier gelten andere Regeln als im klassischen Leistungssport: Doping ist nicht verboten, sondern ausdrücklich erlaubt. Was für viele wie ein Tabubruch klingt, ist für Teilnehmer.innen wie Marius Kusch eine bewusste Entscheidung. Für seine Teilnahme sieht sich der Schwimmer heftiger Kritik ausgesetzt. Im "Galileo"-Beitrag spricht der Sportler offen über seine Beweggründe, Zweifel und Risiken. Finanzielle Anreize spielen für ihn eine entscheidende Rolle und verweisen zugleich auf die wirtschaftliche Realität vieler Spitzensportler. Gerade darin liegt ein Grund, warum die Enhanced Games trotz erheblicher Gesundheitsrisiken für viele Athlet:innen attraktiv sind.

Ich bräuchte viele Karrieren, um das zu verdienen, was man hier in einem Jahr verdienen kann.

Marius Kusch, Deutscher Schwimmer und Teilnehmer an den Enhanced Games

Was sind die Enhanced Games?

Beim umstrittenen Multisport-Event in Las Vegas traten erstmals im Mai 2026 Menschen aus dem Spitzensport gegeneinander an. Zu den Disziplinen gehören Schwimmen, Gewichtheben und Sprint. Der Unterschied zu anderen Wettkämpfen: Es gibt keine Dopingkontrollen. Sogenannte Enhancer kommen zum Einsatz, also potenziell leistungssteigernde Substanzen. Sprich: Es sind ausdrücklich Teilnehmende willkommen, die sich unter ärztlicher Aufsicht Medikamente, Blutdoping und Steroide verabreichen lassen.

Die Veranstaltenden sehen das Event als Alternative zu den Olympischen Spielen. Sie schütten rund 25 Millionen Dollar Preisgeld aus, dazu kommen Bonuszahlungen für Rekorde und Auftrittsgagen. Für einen Sieg im Schwimmwettkampf winken rund 500.000 US-Dollar (entspricht rund 432.000 Euro) Preisgeld. Zum Vergleich: Olympiasieger:innen aus Deutschland erhalten rund 30.000 Euro für eine Goldmedaille von der Stiftung Deutsche Sporthilfe.

Finanziell ist das Projekt also attraktiv. Einflussreiche Investoren wie der Sohn des US-Präsidenten, Donald Trump Jr., und PayPal-Mitgründer Peter Thiel unterstützen es.  Ziel ist es laut den Veranstaltern, die Grenzen des menschlich Machbaren neu auszuloten.

Marius Kusch im "Galileo"-Interview

Der deutsche Schwimmer Marius Kusch hat seine Teilnahme an den Enhanced Games zugesagt. Der Schmetterlingsspezialist wurde 2019 Europameister über 100 Meter und qualifizierte sich für die Olympischen Spiele. Heute lebt und trainiert er in Florida. Dort traf ihn das "Galileo"-Team zum Interview und begleitete ihn beim Training.

Wie groß sind seine Sorgen um seine Gesundheit? Marius Kusch räumt ein, dass er anfangs durchaus besorgt gewesen sei. Dies habe sich aber geändert. Er nehme Testosteron, vertraue aber auf die medizinische Betreuung. Da Steroide möglicherweise die Fruchtbarkeit negativ beeinflussen können, habe der Sportler vorsorglich Spermien einfrieren lassen. Die öffentliche Kritik treffe ihn nicht. Er würde auch niemals empfehlen, Medikamente ohne ärztliche Aufsicht zu nehmen.

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Kritik von der Anti Doping Agentur

Während die Veranstalter der Enhanced Games von Fortschritt sprechen, sehen Kritiker:innen vor allem Gefahren. Dr. Lars Mortsiefer, Vorstand der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA), findet deutliche Worte: "Das ist vor allem unheimlich gefährlich und steht im Widerspruch zu den Werten, die wir im Sport sehen."

Tatsächlich sind die Risiken von leistungssteigernden Substanzen gut dokumentiert: Sie können unter anderem Organe schädigen, das Risiko für Herzinfarkte erhöhen und psychische Probleme verursachen. Langfristige Folgen sind oft schwer abschätzbar.

"Eine Grenze verschieben zu wollen durch die Einnahme von Medikamenten, die für diesen Bereich gar nicht vorgesehen sind, das halte ich für absolut falsch", sagt Dr. Lars Mortsiefer.

Es setzt falsche Vorbilder!

Dr. Lars Mortsiefer, Vorstand der Nationalen Anti Doping Agentur (NADA)

Marketing für Medikamente

Die Macher der Enhanced Games argumentieren hingegen mit wissenschaftlichem Fortschritt. CEO und Mitbegründer Maximilian Martin erklärt, man wolle den Nutzen von Enhancements systematisch untersuchen. Geplant seien Studien mit Athlet:innen. Man wolle herausfinden, welche Effekte bereits zugelassene Medikamente auf die Leistungsfähigkeit haben.

Die Vision geht sogar noch weiter: Vielleicht lasse sich auf diesem Weg ein neues Erfolgsprodukt entdecken, vergleichbar mit bekannten Medikamenten wie der Abnehmspritze. Einnahmen sollen nicht nur über das Event selbst generiert werden, sondern auch über Produkte wie Nahrungsergänzungsmittel. Athlet:innen fungieren dabei als Testimonials. Das Event erweckt bereits im Vorfeld den Eindruck einer großen Werbeveranstaltung.

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Athlet:in oder Versuchskaninchen?

Bleibt die zentrale Frage: Sind Teilnehmende der Enhanced Games noch Athlet:innen - oder nur Proband:innen eines Experiments? Marius Kusch selbst sieht sich klar als Sportler. Disziplin, Training und Ehrgeiz seien weiterhin entscheidend. Gleichzeitig gibt er zu, dass ihn auch die Neugier antreibt: Wie stark lässt sich die eigene Leistung steigern? Wie fühlt sich das an? Das Risiko sei ihm bewusst. Wichtig sei für ihn, dass alles unter ärztlicher Aufsicht passiert. Eine Empfehlung an andere Sportler:innen will er dennoch nicht aussprechen.

Finanzielle Aspekte spielen eine große Rolle. "Am Ende des Tages kann ich meine Miete nicht mit der Leidenschaft für den Schwimmsport bezahlen", sagt Marius Kusch. Die Fördergelder würden zu wenig bieten für eine langfristig tragfähige Karriere.

Ob sich die Enhanced Games etablieren können, bleibt offen. Die Debatte um Fairness, Gesundheit und die Grenzen des Machbaren wird durch dieses Format neu entfacht und dürfte den Sport noch lange beschäftigen. Das "Galileo"-Team bleibt dran.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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