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Täuschung im TV

Charité-Professor enthüllt: Das wird in Serien wie "In aller Freundschaft" verschwiegen

Veröffentlicht:

von saro

Dr. Leyla Sherbaz (Sanam Afrashteh, l.) und ihr Mann Dr. Ben Ahlbeck (Philipp Danne) diskutieren bei "In aller Freundschaft" leidenschaftlich gern. Doch gibt es im echten Klinik-Betrieb überhaupt Zeit für Privates?

Bild: ARD / Michael Kremer


Ist vor dem Griff zum Skalpell wirklich Zeit für ein nettes Pläuschchen? Sind Diagnosen so treffsicher wie im Drehbuch? Diese unbequemen Wahrheiten lässt das Fernsehen offenbar unter den OP-Tisch fallen.

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Was in der Sachsenklinik passiert, soll so realistisch wie möglich wirken. Während der Dreharbeiten der mehr als 1.000 Folgen starken Serie "In aller Freundschaft" helfen eine OP-Schwester und ein Chirurg am Set mit, damit die Handgriffe und Abläufe authentisch sind. Sogar die medizinische Ausstattung im Studio ist original: Eine ständige Fachberaterin achtet laut "BZ" darauf, dass Einrichtung und Requisiten glaubwürdig wirken.

Auch die Darsteller:innen bereiten sich intensiv auf ihre Rollen vor. Thomas Rühmann, der seit der ersten Folge Klinikchef Dr. Roland Heilmann spielt, erzählte der "Berliner Morgenpost", dass das Team zu Beginn der Serie sogar bei einer echten Magen-OP dabei war.

Rühmann nimmt die medizinischen Details offenbar bis heute ernst. In dem Interview berichtete der 71-Jährige von einer Begegnung mit einem ehemaligen Herzchirurgen, der ihn auf seine Körperhaltung im OP-Saal ansprach: "Wir haben uns unterhalten, und da sagte der: 'Wenn Sie im OP-Saal stehen und die desinfizierten Hände so nach oben halten - das macht man nicht.'"

Zurück in Leipzig habe ich sofort mit der Fachberaterin gesprochen, die meinte, das macht jeder anders.

Thomas Rühmann

Realität vs. Romantik

Dennoch stehen Arztserien immer wieder in der Kritik von Mediziner:innen - davor ist auch "In aller Freundschaft" nicht gefeit.  Jüngst nahm ein Herzchirurg die Transplantation von Jakob Heilmann unter die Lupe.

In der Serie erhält er das Herz der verstorbenen Professorin Maria Weber, gespielt von Annett Renneberg. Medizinisch hakte es dabei gleich an mehreren Stellen: Kritisiert wurden unter anderem die stark verkürzten Abläufe bei der Aufnahme auf die Transplantationsliste und die Frage, ob Marias Herz überhaupt zu Jakob gepasst hätte.

Professor Boris Bigalke arbeitet am Deutschen Herzzentrum der Charité und stört sich an der Darstellung der Mediziner:innen in der Serie. Ärzt:innen als Superheld:innen, die immer für alles und jede:n Zeit haben, sind an der Wirklichkeit vorbei gezeichnet. "Wir stehen unter enormem Zeit- und Kostendruck und sitzen einen Großteil des Tages am Schreibtisch und am Computer. In den TV-Serien wird suggeriert, dass wir endlos Zeit für Patienten, Hobbys und Kaffeepausen haben. Das ist fern der Realität und romantisch verklärt," stellt Bigalke klar.


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Flirten? No way!

Auch die amourösen Verwicklungen zwischen Kaffeeautomat und Kernspintomografen sieht er kritisch. "Für Plaudereien mit Patienten und Kollegen haben wir wenig Zeit. Fürs Flirten schon gar nicht, das ist sowieso ein Tabuthema. Der Beruf des Arztes, aber auch der Pflege, ist ein knallharter. Die Belastung ist psychisch und körperlich schon allein wegen der Ruf- und Schichtdienste, auch an Feiertagen und Wochenenden, enorm hoch."

Muss eine Arztserie deshalb jede Klinikschicht dokumentarisch genau nacherzählen? Natürlich nicht. Fans schalten nicht ein, um Abrechnungslogik, Wartelisten und Dienstpläne zu studieren. Sie wollen wissen, ob Dr. Heilmann die nächste Krise übersteht, wer sich in wen verliebt und wer am Ende doch noch gerettet wird. Medizin ohne Gefühle gibt es allerdings auch im echten Krankenhaus nicht.

Sparzwang an Kliniken

Ein Punkt, den Boris Bigalke kritisiert, beeinflusst jedoch besonders stark, welche Erwartungen Zuschauer:innen an deutsche Krankenhäuser entwickeln: Kosten spielen in der Sachsenklinik keine Rolle. In der Realität entscheidet nicht nur die medizinische Frage. Kliniken müssen Leistungen dokumentieren, abrechnen und sich an feste Vorgaben halten. Dieser finanzielle und bürokratische Rahmen taucht in Arztserien fast nie auf, obwohl Verwaltungsdirektorin Sarah Marquardt, gespielt von Alexa Maria Surholt, in der Serie sonst sehr genau hinschaut. Auch Diagnosen sind im TV rekordverdächtig schnell gestellt. Unrealistisch, sagt der Charité-Professor.


Aggression wird ausgespart

Was ihm in der Soap besonders fehlt: die Darstellung von Gewalt gegen medizinisches Personal. In deutschen Arztserien ist der Alltag von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften oft stressig, doch an Respekt für ihre Arbeit mangelt es ihnen dort selten. In der Realität sieht das oft anders aus. Besonders in Notaufnahmen erleben Beschäftigte immer wieder Beschimpfungen, Drohungen und körperliche Übergriffe. Diese Seite bleibt im Fernsehen meist außen vor. Vielleicht erzählt "In aller Freundschaft" gerade deshalb weniger vom Krankenhaus, wie es ist, als vom Krankenhaus, das sich viele wünschen: gute Ärzt:innen, mitfühlende Gespräche, Menschlichkeit. Und genau deshalb schalten wir dienstags doch so gerne ein, oder?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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