Familie Ingalls ist zurück
"Bisschen cringe": Unsere Gen-Z Autorin über die Neuauflage von "Unsere kleine Farm"
Veröffentlicht:
Kann die Neuauflage von "Unsere kleine Farm" mit (v.l.) Warren Christie, Alice Halsey, Skywalker Hughes, Luke Bracey und Crosby Fitzgerald mit dem Original mithalten?
Bild: picture alliance / ipa-agency | Supplied by LMK, Adobe Stock
Pionierleben, Wilder Westen und die heile Familie: Die Erfolgsserie "Unsere kleine Farm" aus den 1970er-Jahren hat eine Neuauflage bekommen. Doch funktioniert die Serie heutzutage noch genauso gut wie die Originale damals? Unsere Gen-Z-Autorin rechnet ab.
In den 1970er Jahren erhielt die Serie "Unsere kleine Farm" schnell Kult-Status. Sie handelt von Caroline (Karen Grassle) und Charles Ingalls (gespielt vom 1991 verstorbenen Michael Landon), die gemeinsam mit ihren Töchtern Laura und Mary ihr ganzes Hab und Gut zusammenpacken und sich auf die Reise machen, um ein neues, besseres Leben im Westen Amerikas aufzubauen. Die Produzent:innen der Serie fingen damals den Pioniergeist ein und setzten das Leben in der Prärie in ein neues, romantisiertes Licht. Dass die schwere Realität der Gesamtsituation so heruntergespielt und verschönert wird, hat mir bereits im Original nicht gefallen.
Nun haben die erfolgreichen Bücher bzw. die darauf basierende Serie eine Neuauflage bekommen, die gestern erschienen ist. Ich frage mich: Kann die neue Adaption genauso gut funktionieren wie die Original-Serie aus den 1970er-Jahren? Und wird hier ein realistisches Bild dargestellt? Laut des offiziellen Statements des Streaming-Dienstes "Netflix" ist die Serie "teils hoffnungsvolles Familien-Drama, teils epische Überlebensgeschichte und teils Ursprungsgeschichte des amerikanischen Westens”. Hmmmm, klingt vielversprechend. Ich schaue mir die ersten Folgen an, um mir ein Bild zu machen.
Unsere kleine Farm
Unsere kleine Farm
Um 1870 in Walnut Grove, einem kleinen Städtchen im Norden Amerikas: Die Ingalls bewirtschaften eine kleine Farm, die die Familie mal recht, mal schlecht ernährt. Doch auch wenn es wirtschaftlich nicht so gut läuft, lassen sich die Ingalls davon nicht unterkriegen. Auch nicht durch Rückschläge im Privatleben, denn sie wissen: Solange die Familie zusammenhält, kann nichts wirklich schiefgehen. Die Serie basiert auf dem Roman der Schriftstellerin Laura Ingalls Wilder.
Schwacher Serien-Start
Okay, die ersten Meinungen zum Reboot haben nicht übertrieben: Die Neuauflage ist VIEL dramatischer. Wir haben gefährliche Szenen mit lauernden Wölfen, reißenden Flüssen, die die Familie zu ertrinken drohen, und eine Menge Tränen. Gleichzeitig werden zwischendurch Szenen gezeigt, in denen alles fast ein bisschen zu träumerisch wirkt: die Grashalme im Wind, das gemütliche Bettenlager im Feld und die melancholischen Melodien, die alles untermalen. Am Anfang finde ich's (ehrlich gesagt) ein bisschen cringe (übersetzt: peinlich / unangenehm).
Außerdem ist in dieser Version die Vegetation so grün und frisch. In der damaligen Zeit war sie eher gelb und trocken. Alles ist sehr romantisiert. Ich dagegen muss ständig nur an die ganzen Insekten denken, die auf mir rumkrabbeln würden. Und das Gras? Wie sehr das ganze jucken muss! Das schreit förmlich nach Zecken-Alarm!
Ich finde es schwierig, mir ohne die (typisch) körnige Bild- und dumpfe Sound-Qualität die damalige Zeit vorzustellen. Die Lichtverhältnisse finde ich auch seltsam: Als Laie mag ich womöglich einiges fehlinterpretieren, aber mir scheint es offensichtlich, dass die Dreharbeiten zum Großteil an einem Set stattfanden, anstatt wirklich unter freiem Himmel. Und die Schauspielerei finde ich ebenso wenig authentisch. Ich glaube, ich bin mir der aktiven Produktion der Serie ein bisschen zu bewusst. I gotta chill (Ich muss mich wohl erst mal beruhigen).
Die romantische Stille nervt
In beiden Versionen der Serie sind manche Szenen sehr lang gezogen. Es herrscht oftmals Stille. Der Einsatz von Musik kommt eher selten vor. Die quasi nonexistente Geräuschkulisse in der Originalserie betont für mich, wie friedlich und ruhig das Leben dort zu sein scheint. In der Neuauflage ist der Wechsel zwischen zu langer Stille und musikalischer Untermalung irgendwie awkward (seltsam). Mein Gott, ich jammere aber auch viel. Am I being too judgy (geh ich zu hart ins Gericht)?
An welche Zielgruppe soll sich die Serie richten. An ein Kind? Eine Seniorin, die ruhige, simple Kost mag? Aber so simpel ist die Kost hier gar nicht. Oder vielleicht an Leute, die die Originalserie nicht kennen?
Starte direkt mit der ersten Folge der Original-Serie
Der Ausbau der Charaktere holt mich ab
Die Töchter haben in dieser Adaption sehr viel mehr relevanten Redeanteil. Sie führen eigene, längere Gespräche und vor allem Mary (Skywalker Hughes), die in Folge eins schon mit einem Jungen anbandelt, scheint jetzt auch, so wie ihre Schwester Laura (Alice Halsey), einen eigenen Handlungsstrang zu haben. Die Charaktere der beiden sind vielschichtiger als im Original und mir gefällt, wie ehrlich ihre Emotionen ausgelebt und gezeigt werden.
Erfrischenderweise ist Charles "Pa" Ingalls (Luke Bracey) hier nicht durchgehend der alleinige Held, sondern funktioniert ohne die Unterstützung und aufmunternden Worte von Caroline (Crosby Fitzgerald) kaum. Sie ist tough und kümmert sich um alles in Charles' Abwesenheit. Sie beschützt die Kinder vor Wölfen, wäscht Wäsche in der Natur und kocht mitten im Nirgendwo ziemlich schmackhaft aussehende Mahlzeiten (unrealistisch, hinterlässt aber Eindruck).
Charles macht die Dinge auch mal falsch. Er ist unsicher, hat Angst, braucht Hilfe und zeigt sich schwach. Der Mann weint sogar mehrmals. Kannst du das glauben? Eine starke und nötige Verbesserung des Charakters, muss ich sagen.
Okay, ich wurde überzeugt
Umso mehr Folgen ich schaue, desto mehr hänge ich drin. Ich startete mit Zweifeln und Kritik, aber beginne, Gefallen zu finden.
Die Serie behandelt - anders als das Original - nicht nur die vielversprechende Zukunft der Familie Ingalls, sondern auch alles, was sie zurücklassen mussten. Der Schmerz, das Trauma, die Sehnsucht nach Heimat. Einfach mehr Realität.
Und am allerwichtigsten, die Macherinnen und Macher der Neuauflage haben hier den wichtigsten und offensichtlichsten Aspekt des freiheitsverheißenden Pionierlebens aufgegriffen: Das Vertreiben der indigenen Völker. Das Volk der Osage, denen das Land zu Beginn der Serie gehört, rückt gemeinsam mit Themen wie Kolonialismus und Rassismus viel mehr in den Mittelpunkt.
Fragen nach einer möglichen Koexistenz und des sich-gegenseitig-Respektierens werden sowohl durch die indigene, als auch die unschuldige Kindes-Perspektive aufgeworfen. "Warum sollte es Ärger [mit den amerikanischen Ureinwohner:innen] geben? Und wieso machen wir den weiten Weg in die Prärie, wenn wir sie nicht kennenlernen möchten?" fragt die junge Laura Ingalls ihre Mutter. Parallel dazu findet eine ähnliche Konversation im Hause der Osage statt, in der deren junge Tochter fragt, warum sie nicht mit dem neuen Mädchen befreundet sein darf.
Rundum bin ich nach eingehender Recherche überzeugt, dass die Neuauflage auf jeden Fall was kann. An das nostalgische Gefühl der 1970er-Jahre Serie kommt sie jedoch nicht ran. Und wer weiß, ob auch die kommenden Staffeln der Neuauflage überzeugen werden.
Mehr Serien-Nostalgie gefällig?
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
Mehr entdecken

Als Bösewichtin wurde sie berühmt
"Nellie"-Darstellerin kehrt zu "Unsere kleine Farm" zurück - aber in einer anderen Rolle
Historisches Vorbild
"Unsere kleine Farm": Das ist die wahre Story dahinter

Kult-Serie
"Unsere kleine Farm": Was Michael Landon und Co. nach dem Series-Aus machten
Auf den Spuren der Familie Ingalls
"Unsere kleine Farm", "Bonanza" und "Dallas": Hier wurde gedreht!

Publikums-Liebling
"Unsere kleine Farm": Diese Stars sind schon gestorben?
Nur noch Schutt und Asche
"Unsere kleine Farm": Warum wurde die Kultserie abgesetzt?

Die Pionier-Familie Ingalls
Schön ruhig: Das sagt unsere Gen-Z-Autorin zu "Unsere kleine Farm"
Rückkehr
Reboot von "Unsere kleine Farm": Alle Infos zur Neuauflage im Überblick

Zeitsprünge und BH-Fails
Logikfehler! Hast du diese 5 Patzer bei "Unsere kleine Farm" bemerkt?




