Die Pionier-Familie Ingalls

Es passiert so schön wenig: So findet unsere Gen-Z Autorin "Unsere kleine Farm"

Veröffentlicht:

von Linn Petersen

Michael Landon schrieb in seiner Rolle als Oberhaupt der Ingalls-Familie TV-Geschichte. Aber wie cool ist "Unsere kleine Farm" für heutige Generationen?

Bild: Design Shop_stock.adobe.com; IMAGO / Everett Collection


Eine Serie, in der nicht viel passiert: Eine bescheidene Farm, eine intakte Familie, und die Natur als Wegweiser. Romantischer Minimalismus oder notdürftiges Landleben? Unsere Gen-Z Autorin hat zum ersten Mal "Unsere kleine Farm" geschaut.

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Familie Ingalls begeisterte in den 1970er-Jahren Millionen von Menschen. Die Serie "Unsere kleine Farm" erzählt die Geschichte vom amerikanischen Pionierleben des 19. Jahrhunderts und erreichte schnell Kult-Status.

Drei Jahrzehnte später wurde ich geboren. Vier Jahrzehnte später schaue ich sie mir das erste Mal an. Mir kommt der Gedanke: War so das Leben damals? Ich schüttle den Gedanken ab - was für einen Quatsch reimt sich mein Gehirn denn da zusammen. Also gut, ich versetze mich ins Amerika von 1878.

Der Farm-Plot

Die Familie Ingalls führt eine kleine Farm im fiktiven Walnut Grove. Der Vater Charles (Michael Landon) baut eigenhändig Haus und Farm für seine Frau Caroline (Karen Grassle) und die drei Töchter auf. Gemeinsam meistern sie das Leben im Westen der USA, inklusive Alltagshürden und Schicksalsschlägen.

Nachdem ich mich in die Serie hineingeschaut und mich online in die Welt der kleinen Farm eingelesen habe, scheint Familienvater Charles die zentrale Figur der Serie zu sein. Beim Einstieg denke ich mir jedoch: Ist nicht eher die kleine Tochter Laura (Melissa Gilbert) der eigentliche Star? Schließlich basiert die Serie auf den halb autobiographischen Büchern der gleichnamigen Laura Ingalls Wilder. Zugegebenermaßen erlebt Charles am meisten, aber erzählt wird das Ganze aus Lauras Blick.

Ich werde nostalgisch

"Pa" und "Ma" Ingalls erziehen ihre drei Töchter nach klaren moralischen Werten: lieb, hilfsbereit, respektvoll und bescheiden sein. "Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem anderen zu", sagt Charles.

Mein eigener Vater, der es wiederum von meiner Omi hat, predigte meinem Bruder und mir genau diese Weisheit. Und so formt sich in meinem Kopf ziemlich schnell die Meinung: Charles "Pa" Ingalls ist ein guter und liebender Vater, wie meiner es ist.

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Unerschütterlicher Charles

Charles erfüllt ständig Sidequests, um Geld für die Familie zu verdienen, vor allem wenn die Ernte mal schlecht ausfällt. Wieeee praktisch, dass er natürlich so ein "Kann alles, macht alles"-Typ ist. Schnell ist ein Haus gebaut, ein Dach repariert, ein Möbelstück gezimmert. Und dann hat er nebenbei auch noch immer die passende Lebensweisheit parat! What a man!

Nach einigen Folgen wird mir klar, dass ich als Frau meiner Generation dieses Narrativ vom allwissenden Versorger und alleinigen Helden des Hauses nicht ganz gutheißen kann.

Hier kippt meine Wahrnehmung ein wenig zwischen Bewunderung und Unbehagen. Einerseits funktioniert Charles als moralischer Anker perfekt, und ich bewundere ihn auch, so wie ich meinen Vater immer bewundert habe.

Andererseits bedient er ein Männerbild, das mir heute ein bisschen zu glatt ist: der starke Versorger, der alles im Griff haben muss und nicht schwächeln darf. Männer, don’t you worry, ihr müsst nicht alles allein stemmen.

Young, wild and free

Die kleinen Mädels sind so süß, ich würde sie am liebsten knuddeln. Vor allem Laura: Sie ist neugierig, frech, hat Temperament. Gleichzeitig lässt sie es sich überhaupt nicht gefallen, wenn jemand gemein zu ihr ist. Ein Mädchen mit Selbstbewusstsein, das sich nicht scheut, den Mund aufzumachen.

Neben den anderen nahezu perfekten Familienmitgliedern ist sie nicht das klassische Vorzeigekind: Sie ist impulsiv, mal trotzig, manchmal ein bisschen zu direkt. "Ihr gackert hier rum, das hört sich beinahe an wie Prärie-Hühner!", sagt sie am ersten Schultag ganz locker zu den unbekannten Mitschüler:innen. The audacity.

Sie macht Fehler, reagiert emotional, lernt dazu. Und während um sie herum ständig moralische Ideale gepredigt werden, wirkt sie oft wie die Einzige, die ehrlich fühlt, statt immer nur "richtig" zu handeln.

Herrliche Stille

Am meisten an der Serie gefällt mir die Stille im Hintergrund. Hin und wieder gibt es Musik, aber nur in gezielten Momenten. Die Geräuschkulisse ist quasi nicht existent: ein paar Naturgeräusche, Schritte auf Kies, das Klappern von Türen.

Ich empfinde ein ähnliches Gefühl, wie in Momenten, in denen ich es endlich mal wieder aus der Stadt raus aufs Land geschafft habe und merke, wie laut die Stadt eigentlich ist.

Bei "Unsere kleine Farm" sitze ich zwar daheim und draußen hupt irgendein Nachbar, aber die stille Atmosphäre der Serie holt micht trotzdem komplett ab.

Die Sehnsucht nach weniger

Nicht nur auditiv, es gibt auch wenig visuellen Lärm: ein Haus, ein Feld, ein Baum. Simple Kleidung, das Nötigste im Haus. Was damals Existenzminimum war, wird heute Minimalismus genannt.

Wie oft denke ich mir: "Ich hab einfach so viel Zeug!" Insgeheim wünsche ich mir - vor allem beim Schauen der Serie -, einfach alles loszuwerden und nur das zu behalten, was ich wirklich brauche. So wie die Familie Ingalls eben. Aber war Ingalls Lebensstil denn wirklich besser?

Ich höre mich an wie die verwöhnte Großstadtgöre, die ich wahrscheinlich zu einem gewissen Grad auch bin. Deshalb möchte ich erwähnen, mir des Privilegs bewusst zu sein, diesem Großstadtleben entfliehen zu dürfen, whenever I want.

Ich glaube, ich bin irgendwo zwischen Genervtsein und Mögen hängen geblieben. Ich empfehle stark, sich selbst ein Bild zu machen, denn eine absolute Wohlfühlserie ist sie auf jeden Fall. Ob die Neuauflage wohl genauso gut funktioniert?

Bevor die Neuauflage erscheint, gibt es alle Staffeln von "Unsere kleine Farm" kostenlos auf Joyn.


Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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