Engagement mit Herz

"Es wurde immer schlimmer": Malte Zierden über den Bau eines Tierheims in der Ukraine

Aktualisiert:

von Linn Petersen

Im exklusiven Interview gibt Malte Zierden Einblicke in sein Herzensprojekt.

Bild: Joyn


Ein Tierheim inmitten eines Kriegsgebiets: Die "Tierbrücke" ist ein Projekt mit Herz, das Malte Zierden in der gleichnamigen Dokumentation festgehalten hat. Im exklusiven Interview mit Joyn spricht er über Leid, Hoffnung und die Kraft des Engagements.

- Anzeige -

- Anzeige -


"Tierbrücke" kostenlos auf Joyn ansehen


Der Krieg als größte Hürde

Im Sommer ist deine Doku-Reihe "Tierbrücke" erschienen. Was hat dich vor zweieinhalb Jahren dazu bewogen, in der Ukraine ein Tierheim zu bauen, inmitten eines Kriegsgebiets? Gab es einen bestimmten Auslöser?

Malte Zierden: Die erste Reise in die Ukraine, die wir jemals gemacht haben, war der Auslöser. Wir besuchten das Tierheim, das auch am Anfang der ersten Folge zu sehen ist. Die Not, die dort herrschte, war so groß, dass wir unbedingt etwas verändern wollten. Wir haben das dann im Internet geteilt, und innerhalb von zwei Tagen kamen 100.000 Euro zusammen. Das war der Moment, in dem wir sagten: Okay, jetzt können wir nachhaltig etwas verändern.

Was waren die größten Herausforderungen beim Bau des Tierheims?

Malte Zierden: In erster Linie natürlich der Krieg. Das war mit Abstand das Schwierigste und Schlimmste überhaupt. Arbeiter wurden rar, Materialien waren schwer zu bekommen und es kamen immer mehr Tiere aus Frontnähe an. Das hat nicht nur die Menschen in dem Land, sondern auch uns als Helfer komplett überrannt und zerschlagen. Das war mit Abstand das Schlimmste. Und dann natürlich das Leid, das man vor Ort sieht, die Tiere, die hilflos Unterstützung brauchen. Das hat uns am meisten mitgenommen.

Erste Folge "Tierbrücke" kostenlos" ansehen

Die emotionale Last der "Tierbrücke"

Was hat dich bei dem Projekt an deine persönlichen Grenzen gebracht?

Malte Zierden: Das ganze Projekt, also der Tierheimbau und alles darüber hinaus, war, glaube ich, mit die größte Zerreißprobe in meinem Leben, weil es der härteste Einstieg in den Tierschutz war, den es hätte geben können. Ich war ja vorher niemals in einem Kriegsgebiet, ich war ja vorher nie mit einem solchen Leid konfrontiert, war nie in Frontnähe und hatte keinen Umgang mit verletzten Tieren. Diese Kombination hat mein Leben komplett durcheinandergebracht und meinen ganzen Kopf auseinandergenommen. Wenn man diesen Tierheimbau startet und da wirklich mit Herz reingeht, hat man ja diese Vision und möchte das auch fertig bekommen. Am Anfang waren sieben bis neun Monate geplant, und es hat drei Jahre gedauert. Es wurde immer heftiger, es wurde immer schlimmer, und es kamen immer mehr Tiere.

Ist es möglich, bei all dem Tierleid mental stark zu bleiben?

Malte Zierden: Ich bin nicht stark geblieben und ich war auch niemals stark. Ich habe jetzt eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert bekommen. Ich war maßlos überfordert mit den ganzen Dingen, die ich gesehen habe. Vor Ort funktioniert man einfach und hilft. Aber wenn Welpen in deinen Armen sterben, wenn du Tiere leiden siehst, wenn du 400 Tieren in die Augen schaust und entscheiden musst, wer mitkommt und wer zurückbleibt - das macht etwas mit dir. Ich habe versucht, oberflächlich in der männlich-sozialisierten Welt, in der ich groß geworden bin, in dem Patriarchat, hart zu bleiben, aber ich bin alles andere als hart geblieben. Ich bin komplett von innen zerschmolzen. Dieses Projekt hat mich so komplett zerrissen, weil es mich bis an die Grenzen meiner Psyche gebracht hat. Ich war fertig mit der Welt und bin es auch noch. Ich bin so doll an meine Grenzen gegangen, dass ich ein etwas dickeres Fell bekommen habe. Aber zu welchem Preis? Und das hat ziemlich doll wehgetan. Aber ich glaube, das gehörte zu dem richtigen Zeitpunkt dazu.

- Anzeige -

- Anzeige -

Gibt es einen Moment aus der Doku-Reihe, die dich besonders berührt hat?

Malte Zierden: Die Beziehung zu den Ukrainerinnen Andszelika und Alexandra, die wir in der vierten Folge aufgebaut haben. Irgendwann wurde aus dieser osteuropäischen, distanzierten Mentalität eine Freundschaft zu diesen deutschen Leuten, die keine Ahnung haben, was sie da tun und ein bisschen rumhampeln. Das war mein Key-Moment, in dem ich gemerkt habe, dass aus Arbeit lebenslange Freundschaft wird. Wir haben die Serie extra für die auf ukrainisch übersetzen lassen. Demnächst fahren wir auch wieder hin und machen einen Filmabend in der Ukraine. Das brauchen sie auch mal: Neben dem Fakt, dass ihre Männer in den Krieg eingezogen werden, sind sie alleine zu Hause und arbeiten den ganzen Tag mit diesen Tieren. Diese Freunde in meinem Leben gefunden zu haben, das ist für mich die größte Szene.

Vierte Folge "Tierbrücke" kostenlos ansehen

Deine Reichweite hat geholfen, das Projekt "Tierbrücke" zu realisieren. Was sind weitere Projekte, die du mit solcher Unterstützung gerne umsetzen möchtest oder schon umgesetzt hast?

Malte Zierden: Wir haben in Peru eine Million Quadratmeter Regenwald gekauft, um einen Schutzort für Tiere zu erschaffen. Das ist auch das Ziel und die Agenda für dieses Jahr. 2026 werden wir noch mehr Lebensräume schaffen. Einige Projekte davon sind noch geheim, aber die werden großartig. Wir wollen gerade für Tiere, die wenig gesehen werden und die gerade auch durch menschlichen Einfluss sehr viel leiden, Schutzorte schaffen auf der ganzen Welt. Wir werden außerdem in Deutschland ein Tierheim errichten, damit die Tiere auch hier einen Hafen bekommen.

Welche Tipps hast du für Menschen, die sich für Tierschutz engagieren möchten, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen?

Malte Zierden: Jeder kann auf einem Low-Level bei sich zu Hause oder in der Umgebung unterstützen. Das bedeutet: Binde dich in den örtlichen Communities bei dir ein. Wenn du in der Stadt lebst und du magst Tauben, dann geh zu einem Taubenschutzverein oder geh zu dem Tierheim bei dir in der Stadt, im Dorf. Es gibt immer welche, versprochen. Und frag, ob du mit den Hunden Gassi gehen kannst. Und vor allen Dingen das Allerwichtigste ist, das ist total platt gesagt und ich weiß, dass viele das noch nicht umsetzen können, aber versuch einfach, mit einem offenen Auge und mit Empathie rauszugehen. Das bedeutet eigentlich so viel wie: Halt für die Frösche, die über die Straße hüpfen an, wenn du kannst. Hilf der kranken Taube und versuche sie irgendwie zum Tierarzt zu bringen. Sei einfach für die Tiere da.

Ein Zitat, das mir dabei immer in den Kopf kommt, lautet: 'Ich wünsche mir eine Welt, in der wir Tieren auf Augenhöhe begegnen.' Und das ist das, was man einfach in den Alltag  raustragen kann. Sei einfach lieb zu Tieren, behandle sie wie Freunde in jeglicher Form

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

- Anzeige -

- Anzeige -

Mehr entdecken