Alle zehn Filme im Ranking

Der beste Film des Jahres: Wer den OSCAR® 2026 wirklich verdient hat

Veröffentlicht:

von Maximilian Kayser

Nur einer von zehn Nominierten kann den Academy Award als Bester Film mit nach Hause nehmen. Maximilian Kayser (l.) von Behind the Screens hat sie alle gesehen und kürt seine Favoriten.

Bild: picture alliance / Photoshot / Joyn


"Blood & Sinners", "Hamnet", "One Battle After Another": Die diesjährigen OSCARS® haben einige Favoriten. Ich habe alle zehn Nominierten für den Besten Film gesehen - im Behind-the-Screens-Ranking werden sie alle knallhart nach ihrer Qualität geordnet.

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Es wird ernst: An diesem Sonntag werden die 98. OSCARS® verliehen. In der Königsdisziplin für den besten Film konkurrieren zehn Nominierte um die begehrte Goldstatue. Ruhige Dramen, bildgewaltiger Horror und atemlose Thriller sorgen in diesem Jahr für ein abwechslungsreiches Teilnehmerfeld.

Mit 16 Nominierungen legte "Blood & Sinners" einen neuen OSCAR®-Rekord hin, gleichzeitig könnte Paul Thomas Anderson mit "One Battle After Another" zum ersten Mal in seiner Regie-Karriere prämiert werden. Oder drücken die schauspielerischen Bestleistungen von Jessie Buckley in "Hamnet" oder Timothee Chalamet in "Marty Surpreme" ihre Filme über die Ziellinie?

Es wird eine der spannendsten OSCAR®-Verleihungen der jüngeren Vergangenheit - und da in diesem Jahr Academy-Mitglieder tatsächlich alle Nominierten anschauen mussten, um abstimmen zu dürfen, habe ich es ihnen gleichgetan. Am Ende ergibt sich ein Ranking mit einigen Überraschungen sowie einer klaren Nummer Eins.



10. "Frankenstein"

Darum geht's:

Die klassische Geschichte von Mary Shelley, neu gedichtet: An Bord eines Schiffes in der Arktis erzählt Dr. Victor Frankenstein (Oscar Isaac) dem Kapitän seine Lebensgeschichte. Der brillante und egomanische Wissenschaftler hat es geschafft, aus Leichenteilen eine Kreatur (Jacob Elordi) zu erschaffen. Doch dieses Experiment hat desaströse Folgen für alle Beteiligten...

OSCAR®-würdig?

Schon vor knapp 20 Jahren wollte Regisseur Guillermo del Toro mit "Frankenstein" seinen Wunschfilm auf die Leinwand bringen, nun hat es mit Hilfe von Netflix endlich geklappt. Dass der Streaming-Anbieter nicht knausrig ist, zeigt sich in den opulenten Bildern des Zweieinhalb-Stunden-Epos: Kostüme und Ausstattung sind fantastisch und auf OSCAR®-Kurs - umso trauriger, dass die meisten den Film nur auf ihrem Fernseher sehen werden.

Vielleicht war das einer Gründe, warum die Neuverfilmung bei mir nicht wirklich zünden wollte. Zumal einige Effekte dann doch überraschend mittelmäßig aussehen. Aber auch die Handlung selbst schafft es größtenteils nicht, die Zuschauer:innen emotional abzuholen. Del Toro ändert einige Handlungspunkte stark und macht "Frankenstein" zu einem Film über Väterkomplexe, lässt dabei aber gerade die weiblichen Figuren liegen. Mia Goths Elizabeth sollte ein emotionaler Fokuspunkt des Filmes sein, stattdessen wird sie sträflich vernachlässigt.

"Du bist das Monster", sagt eine Figur im Laufe des Filmes zu Victor Frankenstein. Diese Plakativität ist bezeichnend - warum nicht die Bilder für sich sprechen lassen? Nichtsdestotrotz: Gerade die schauspielerische Leistung von Jacob Elordi ist beeindruckend und könnte ihm einen OSCAR® einbringen. Zudem schafft der Film es, in der Mitte mit einem cleveren Kniff der Handlung eine Wendung zu geben. Und: für Fans von Guillermo del Toros härteren Filmen hat "Frankenstein" einige brutale Spitzen zu bieten.

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Oscar Isaac spielt den titelgebenden Dr. Victor Frankenstein - Jacob Elordi als das Monster stiehlt die Show.

Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS


9. "F1"

Darum geht's:

Früher war Sonny Hayes (Brad Pitt) ein begnadetes Formel 1-Talent, doch nach einem schweren Unfall ging er frühzeitig in den Ruhestand. Viele Jahre später kommt der Teamchef (Javier Bardem) des schwächelnden Rennstalls APXGP auf ihn zu: Er soll als Fahrer zurückkehren sowie dem talentierten aber sturen jungen Fahrer Joshua Pearce (Damson Idris) als Mentor dienen. Das Ziel: Ein Rennsieg bis zum Ende der Saison - sonst droht der Verkauf.

OSCAR®-würdig?

Keine Nominierung hat unter selbsternannten Cineasten für mehr Nasenrümpfen gesorgt als die von "F1". Denn: Es sei ja nur "Top Gun: Maverick" in Rennwägen. Ich sage: Genau richtig - und gerade deswegen ist die OSCAR®-Nominierung nicht unverdient. Regisseur Joseph Kosinski weiß genau, wie man Action voller Adrenalin aus immersiven Blickwinkeln einfängt - allein die Eröffnungssequenz bei Daytona 500 lässt den Puls in die Höhe schießen. Und da sind wir noch nicht einmal in der Formel 1 angekommen.

Was aber auch stimmt, ist die Kritik an der Handlung von "F1". Der Rennsport-Werbefilm wartet mit einer vorhersehbaren und generischen Sport-Story auf, die man so mehr als nur einmal bereits gesehen hat. Zumal die Figur von Produzent Brad Pitt so cool geschrieben ist, dass man fast die Dreistigkeit beklatschen will. Aber: Die Darsteller (vor allem Kerry Condon als technische Direktorin) sind sympathisch, die Bilder beeindruckend und der Sport wird ernst genommen. Vorausgesetzt, Formel-1-Fans können darüber hinwegsehen, dass die Taktik von APXGP im echten Leben zu Strafen führen würde...

"F1" war auf keinen Fall der beste Film des letzten Jahres. Aber eine Nominierung für einen handwerklich gut gemachten Blockbuster sollte für die Academy kein No-Go sein.

Überraschende Oscar-Nominierung: Ist "F1" der beste Blockbuster des letzten Jahres?

Bild: Imago Images / Landmark Media


8. "The Secret Agent"

Darum geht's:

Brasilien, 1977, zur Höhe der Militärdiktatur: Armando (Wagner Moura) kehrt auf der Flucht in seine Heimatstadt Recife zur Zeit des Karnevals zurück. Dort kann er seinen Sohn wiedersehen und kommt unter falschem Namen in einem Haus mit weiteren Flüchtlingen und Verfolgten unter - doch zwei Auftragskiller sind ihm auf den Fersen.

OSCAR®-würdig?

Im vergangenen Jahr sicherte sich Brasilien mit "I'm Still Here" den Auslands-OSCAR®, ein Jahr später könnte es direkt zur Wiederholung kommen: Auch "The Secret Agent" behandelt eine Geschichte während der Militärdiktatur des Landes, ist aber ein ganz anderer Film. Der Cannes-Sieger 2025 basiert auf Kindheitserinnerungen des Regisseurs Kleber Mendonça Filho, der selbst aus Recife kommt. Ganz anders als der Titel vermuten lässt, ist das hier viel weniger ein Geheimagenten-Thriller als ein ausgedehntes Porträt des Lebens in einer Zeit voller Unterdrückung, mit 100 Toten während dem Karneval - der dennoch beschwingt weitergeht.

Das Recife der späten 70er Jahre wird beeindruckend in Szene gesetzt, die an Filme aus der Zeit erinnernde Kamera, die Ausstattung und das Szenenbild sind meisterhaft. Zudem schafft der Film es in seiner ausgedehnten Laufzeit von rund 160 Minuten, eine große Menge an Figuren einzuführen, welche die Stadt lebendig und atmend wirken lassen. Mit dabei ist unter anderem die deutsche Schauspiel-Legende Udo Kier in seiner letzten Rolle - in seinem kleinen Auftritt wird er als jüdischer Flüchtling vom korrupten Polizeichef gepiesackt.

Gerade hier liegt aber leider auch die Schwäche von "The Secret Agent": Anstatt den Plot voranzutreiben, ist Mendonça Filho viel mehr an kleinen Szenen beschäftigt, die das Leben und die Figuren zeigen, das Tempo aber teilweise komplett zum Erliegen bringen. Nach zwei Stunden beginnt das letzte, dann auch wirklich atemlose, hochspannende Kapitel, doch bis dahin wurden meine Erwartungen leicht enttäuscht. Aber: Allein dieses Finale macht den Film zu einem der besten des Jahres - und das überraschende Ende ließ mich mit einem Klos im Hals zurück.

Der aus "Narcos" bekannte Wagner Moura sicherte sich für "The Secret Agent" bereits den Golden Globe als bester Hauptdarsteller.

Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS


7. "Bugonia"

Darum geht's:

Der Verschwörungstheoretiker Teddy (Jesse Plemons) und sein Cousin Don (Aidan Delbis) kidnappen Michelle Fuller, (Emma Stone), die CEO eines großen Pharmaunternehmens ist. Der Grund: Sie glauben, dass sie ein Alien ist, das die Erde zerstören will.

OSCAR®-würdig?

Nachdem sie für "Poor Things" sich den OSCAR® als beste Hauptdarstellerin sicherte, ist Emma Stone wieder für einen Film des Regisseurs Yorgos Lanthimos nominiert. Der ist für seine bizarren Handlungen bekannt - so auch hier. Abgesehen vom Alien-Thema ist "Bugonia" tatsächlich aber ein etwas konventionelleres Kammerspiel in seiner Filmographie. Das könnte daran liegen, dass es sich um ein Remake eines koreanischen Filmes von 2003 ist.

Zentral steht die Frage: Haben die verrückten Kidnapper vielleicht doch recht? Daraus zieht der Film bis zum Schluss einiges an Spannung, auch wenn der langgezogenen Mittelteil teils an Fahrt verliert. Doch die eigenwilligen, schönen wie ekligen Bilder erzeugen dennoch einen Sog, in dem man sich verlieren kann. Alleine die Entführung ist fantastisch gefilmt: Lanthimos' ruhige Weitwinkel-Einstellungen kontrastieren den aberwitzigen Kidnapping-Versuch, der nicht ganz so klappt wie geplant.

Bizarrer als der Film ist die Entscheidung der Academy, Jesse Plemons nicht als bester Hauptdarsteller zu nominieren. Er spielt der Verrückten perfekt - pathetisch, eklig und doch mit genug Überzeugung, um seine Theorien nicht ganz ausschließen zu können. Im vergangenen Jahr gab es wenig bessere Leistungen. "Bugonia" ist allein dafür sehenswert - wie für die fantastische Endsequenz, die das gesamte Kino verstummen ließ und über etwaige Längen hinwegsehen lässt (und natürlich nicht verraten wird).

Ist Emma Stone ein Alien? Das ist die zentrale Frage von "Bugonia".

Bild: picture alliance / PictureLux/Atsushi Nishijima/Foc


6. "Train Dreams"

Darum geht's:

"Train Dreams" erzählt das Leben des Holzfällers Robert Grainier (Joel Edgerton), der mit seiner Frau Gladys (Felicity Jones) und Tochter zu Beginn des 20. Jahrhunderts in einer kleinen Hütte in Idaho wohnt. Immer wieder begibt er sich als Tagelöhner auf Reisen. Während die Welt sich im Hintergrund sehr schnell weiterentwickelt, lassen seine Träume ihn nicht vergessen, wie einer seiner Kollegen ermordet wurde.

OSCAR®-würdig?

Kein anderer Nominierter in diesem Jahr ist so ruhig wie "Train Dreams". Auch hier ist es schade, dass er bei Netflix läuft, denn die wunderschönen, ruhigen Bilder von Natur und Familienidylle verdienen es, auf einem größtmöglichen Bildschirm gesehen zu werden. Die Nominierung für die beste Kamera ist hochverdient.

"Robert Grainier tut nichts, was den Lauf der Geschichte grundlegend verändert", sagte Regisseur Clint Bentley in einem Netflix-Interview - trotzdem sei es ein "tiefgründiges und reiches Leben". Das stimmt in allen Belangen. Es ist ein Film, der mich immer noch nachdenklich macht, und vor allem einiges über die Liebe des Menschen aussagt - und den Schmerz, der damit einhergeht.

Auch wenn die weiter vorne platzierte Filme mich noch mehr berührt haben, so bleiben viele der kleinen Episoden aus "Train Dreams" im Gedächtnis. William H. Macy hat als alternder Holzfäller-Kollege von Grainier eine eher kleine Rolle - doch seine weisen Worte begleiten den Zuschauer über die gesamte Laufzeit. Schön, dass ein Film dieser Größenordnung mit einer Nominierung bedacht wird.

Ruhig und berührend: Die Liebesgeschichte zwischen Holzfäller Robert Grainier und seiner Frau Gladys.

Bild: ZUMA Press


5. "Sentimental Value"

Darum geht's:

Nach dem Tod ihrer Mutter treffen die Schwestern Nora (Renate Reinsve) und Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) wieder auf ihren Vater Gustav (Stellan Skargard), einen bekannten Regisseur, der die Familie nach seiner Scheidung verlassen hat. Nun will er, dass die Theaterschauspielerin Nora in seinem neuen Film mitspielt, was sie kategorisch ablehnt. Dann erfährt sie, dass er die Rolle an einen jungen Hollywood-Star (Elle Fanning) gegeben hat - und da er den Film in seinem Elternhaus drehen will, ist er plötzlich wieder im Leben der Schwestern.

OSCAR®-würdig?

Wo andere Dramen auf ausschweifende Dialoge und Kitsch bauen, macht Regisseur Joachim Trier das genaue Gegenteil: Der norwegische OSCAR®-Beitrag zeigt zwischenmenschliche Beziehungen mit wenigen Blicken, bei dem das Ungesagte so viel mehr bedeutet als jedes gesprochene Wort. Um das zu erreichen, braucht man hervorragende Schauspieler:innen. Vier Nominierungen für einen nur zum Teil englischsprachigen Film sprechen Bände.

Eigentlich würde ich gerne schreiben: Vor allem Renate Reinsve hat mich mit ihrer stillen Wut und Trauer begeistert. Doch dann würde ich Stellan Skarsgard unterschlagen, der charismatisch wie nervig und doch verständlich agiert. Oder gerade die letzte Szene zwischen Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas, die in ihrer Einfachheit unendlich traurig und kathartisch zugleich ist.

Trotz allem Lobs ist "Sentimental Value" ein Film von Filmschaffenden für Filmschaffende - kein Wunder, dass die Academy das mag. Einige Teile des Filmes schafften es daher nicht ganz, mich vollends zu ergreifen. Doch alleine der Fakt, das das Elternhaus der Familie hier zum eigenen Charakter wird, für den man Gefühle entwickelt, beweist, was für ein feinfühliger Regisseur Joachim Trier ist.

Stellan Skarsgard sicherte sich bereits den Golden Globe als bester Nebendarsteller - haben er und Renate Reinsve Chancen auf den OSCAR®?

Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS


4. "Blood & Sinners"

Darum geht's:

Nach Jahren in Chicago kehren die beiden Zwillinge Smoke und Stack (Michael B. Jordan) 1932 in ihre Heimat nach Mississippi zurück, um einen Juke Joint für die dortige schwarze Gemeinde zu eröffnen. Für die Eröffnungsnacht engagieren sie unter anderem ihren jungen Cousin Sammy (Miles Caton) sowie den alternden Blues-Musiker Delta Slim (Delroy Lindo). Als der Abend gut läuft, tauchen plötzlich drei weiße Fremde um einen Mann namens Remmick (Jack O'Connell) auf und bitten um Einlass.

OSCAR®-würdig?

Es ist immer schön, wenn die OSCARS® einen besonders guten Horrorfilm auszeichnen, denn oft genug ist das Gegenteil der Fall (warum ist "Weapons" in diesem Jahr nur einmal nominiert?). Tatsächlich sind die Horror-Elemente von "Blood & Sinners" leider die schwächsten Teile des Films. Darüber lässt sich aber leicht hinwegsehen: Bis zum etwas generischen Finale bekommen Zuschauer:innen eine fantastische Szene nach der anderen geboten, vom ersten Moment an, in dem die IMAX-Kameras über weite Baumwollfelder schwenken. Der Cast ist durch die Bank weg fantastisch, der bluesige, ungewöhnliche Soundtrack hypnotisierend.

Die Musik ist auch in einer jetzt schon unvergesslichen One-Shot-Sequenz essentiell: Wenn die Geister schwarzer Kultur und Musik der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufeinandertreffen, sorgt das auch beim dutzendsten Ansehen für pure Gänsehaut. Es ist ein Film über kulturelle Assimilation, über die Macht von Musik, ohne dabei das Tempo eines modernen Blockbusters zu verlieren. Umso ernüchternder ist es, dass der Film diesen hypnotischen Sog nicht ganz aufrechterhalten kann.

Das ist der Grund, der "Blood & Sinners" für mich von den Spitzenplätzen dieses Jahres abhält. Der Erfolg an den Kinokassen wie in der Awards-Saison gibt Regisseur Ryan Coogler aber Recht: Bitte mehr originelle Geschichten mit größerem Budget in den Kinos!

In einer Doppelrolle verkörpert Michael B. Jordan die Zwillinge Stack und Smoke und könnte sich dafür den OSCAR® sichern.

Bild: picture alliance / Warner Bros. / Everett Collection


3. "Hamnet"

Darum geht's:

Im 16. Jahrhundert beginnt die eigenwillige Bauerntochter Agnes (Jessie Buckley) mit dem Lateinlehrer William (Paul Mescal) eine Liebesbeziehung. Obwohl ihre Familien nicht begeistert sind, heiraten die beiden und bekommen drei Kinder. Aufgrund seiner Leidenschaft, als Schriftsteller am Theater zu arbeiten, zieht William schließlich nach London. Doch gerade dann erschüttert eine Tragödie die Familie.

OSCAR®-würdig?

Ja, was ihr über "Hamnet" lest, ist wahr: Als ich mir das Drama im Kino anschaute, liefen mir reihenweise Tränen über das Gesicht. In den Reihen vor mir konnte ich mindestens drei Köpfe zählen, die sich fast gleichzeitig auf die Schulter ihres Partners senkten. Einige wenige Kritiker schreiben zum Film, dass er bewusst nur auf diese tränenreichen Momente hinarbeitet und die Zuschauer:innen emotional manipuliert. Aber was soll ich sagen? Wenn das so sein sollte, hab ich mich sehr gerne manipulieren und wie bei keinem anderen Nominierten den Emotionen freien Lauf gelassen.

Neben tollen Bildern von den atmenden Wäldern, in denen sich Agnes zu Hause fühlt, ist es allen voran Jessie Buckley, die den Film mit Leben füllt. Den OSCAR® als beste Hauptdarstellerin hat sie mehr als verdient. Sei es in den leisen, liebevollen Momenten oder bei den schmerzhaften Geburten ihrer Kinder - jede ihrer Emotionen überträgt sich sofort auf die Zuschauer:innen. Wobei auch ein großes Lob für den nicht nominierten Paul Mescal sowie die fantastischen Kinderdarsteller wichtig ist. Gerade Jacobi Jupe als Sohn Hamnet schließt man innerhalb kürzester Zeit ins Herz.

Mit "Nomadland" hat sich Regisseurin Chloe Zhao bereits einen Oscar gesichert - gäbe es am Sonntag Nummer Zwei, dann wäre das durchaus verdient. Denn auch wenn es im Mittelteil wenige kleine Längen gibt: Das kathartische Finale von "Hamnet" ist wunderschön wie schmerzhaft. Feuchte Augen sind garantiert.

Dank ihrer herzzerreißenden Performance in "Hamnet ist Jessie Buckley OSCAR®-Favoritin.

Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS


2. "Marty Supreme"

Darum geht's:

Schuhverkäufer Marty Mauser (Timothee Chalamet) ist der beste Tischtennis-Spieler der Welt - behauptet er zumindest. Als er als einziger Amerikaner von den britischen Meisterschaften 1952 zurückkehrt, hat er nur ein Ziel: Nach Japan zu den Weltmeisterschaften fliegen. Doch zurück in New York stolpert er zwischen Schulden, Liebschaften und zahlreichen Feinden von einer Katastrophe in die nächste.

OSCAR®-würdig?

Wer "Uncut Gems" gesehen hat, kennt die gnadenlos hektische und nervenaufreibenden Filme der Safdie-Brüder. "Marty Supreme", den Josh Safdie ohne seinen Bruder gedreht hat, setzt noch einmal einen drauf: Wer nach rund einer halben Stunde denkt, das sei ein gut gefilmter Sportfilm, wird schnell eines besseren belehrt. Zurück in New York ereignet sich eine komplett irre Szene nach der anderen, die den Puls bei mir konstant hoch hielt.

Ein leichter Film ist es ganz und gar nicht - Marty ist ein massives Arschloch und notorischer Hochstapler. Selbst, wenn er zur Abwechslung etwas Gutes tut, geht er einen Schritt vor und drei zurück. Timothee Chalamet spielt wie ein Besessener - seine Promo-Tour mag anstrengend sein, den OSCAR® hätte er sich dennoch verdient. Viele Mini-Episoden im Film sind ein eigenes Kunstwerk - vor allem die Szene, in der Marty mit seinem Freund Wally (Tyler Okonma) eine ganze Gruppe beim Tischtennis um ihr Geld betrügt, ist herrlich humorvoll-absurd und dann wieder spannend.

Jede Szene strotzt dank toller Ausstattung vor Leben, die hektische und trotzdem klare Kamera ist extrem nah dran, der anachronistische Synth-Score treibt den Film nach vorne: Technisch wie schauspielerisch ist "Marty Supreme" eine absolute Meisterleistung. Ein leichter Film ist es dagegen nicht: Konstanter Stress trifft auf unsympathische Figuren, die nicht immer die Quittung für ihre Handlungen bekommen. Mir hat es in höchstem Grade Spaß gemacht. Das größte Kompliment, dass ich dem Film machen kann: In "Marty Supreme" weiß man nie, was in der nächsten Sekunde passiert.

Timothee Chalamet liefert als der notorische Hochstapler Marty Mouser eine Top-Performance, die ihm zum Gewinn des OSCARS® bringen könnte.

Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS


1. "One Battle After Another"

Darum geht's:

Pat Calhoun (Leonardo DiCaprio) und Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor) sind Mitglieder der linken Revoluzzer-Gruppierung "French 75" und ein Liebespaar. Nachdem sie schwanger wird, sagt sich Pat langsam von der Gruppe los. Sechzehn Jahre später lebt er alleine mit seiner Tochter Willa (Chase Infiniti) in einer kalifornischen Kleinstadt. Plötzlich taucht Colonel Lockjaw (Sean Penn) wieder auf, der immer noch Jagd auf "French 75"-Mitglieder macht. Es kommt zu einer atemlosen Hetzjagd.

OSCAR®-würdig?

Auf keinen anderen Film hatte ich mich im vergangenen Jahr mehr gefreut als "One Battle After Another". Regisseur Paul Thomas Anderson ist schon für einige Klassiker verantwortlich (Boogie Nights, There Will Be Blood), einen Oscar hat er aber noch nicht. Zudem überschlugen sich die Kritiker-Stimmen aus den USA fast schon mit Lob. Kann der Film diese immens hohe Erwartungshaltung wirklich erfüllen?

Die Antwort ist: Ja, mehr noch als das. Einige Monate nach der ersten Sichtung wird langsam klar, wie viele ikonische Szenen und Figuren in diesen 162 Minuten stecken. Bereits der Start liefert einen atemlosen Auftakt um das Katz- und Maus-Spiel zwischen der entfesselnd agierenden Teyana Taylor und Sean Penn, der jetzt schon einen der besten Bösewichte der Filmgeschichte verkörpert.

Colonel Lockjaw ist eklig wie böse, pathetisch wie komisch - und mag schwarze Frauen, wie er es in seinem einzigen Dialog mit Leonardo DiCaprios Pat auf denkbar absurdeste Weise erklärt. Der rückt teilweise fast in den Hintergrund. Doch auch er liefert als liebender Vater, der mittlerweile dank Drogen nicht mehr der schnellste ist, eine urkomische Performance ab. Die Szene, in der er sich nicht an das alte "French 75"-Passwort erinnern kann, ist eine der lustigsten des Jahres. Noch dazu kommt Chase Infiniti in ihrer ersten Filmrolle (!), die locker mit den vielen Stars mithalten kann. Sie ist der emotionale Kern des Films, nachdem sie ihren Vater aus den Augen verliert und verzweifelt flüchten muss.

In fast drei Stunden bietet "One Battle After Another" einen spannenden Moment nach dem anderen, fast ohne vom Gaspedal zu gehen. Als in der Gegenwart Colonel Lockjaw die Jagd beginnt, startet auch Jonny Greenwoods lauter, dissonanter Piano-Soundtrack, der ohne Pause eine rund 45-minütige Sequenz untermalt und erst mit einem im wahrsten Sinne des Wortes tiefen Fall endet.

Obwohl ich schon mehr zum aktuell leichten OSCAR®-Favoriten als zu allen anderen Nominierten geschrieben habe, gäbe es immer noch so viel mehr zu sagen: Benicio del Toro, der mit geringer Screen-Time fast die Show stiehlt. Oder natürlich die finale Verfolgungsjagd durch die Wüste, die ein atemloses Auf und Ab bietet und den Film zu einem unvergesslichen Crescendo bringt. Kurzum: "One Battle After Another" ist ein moderner Klassiker - und wäre hochverdienter OSCAR®-Gewinner.

Leonardo DiCaprio hat dank "One Battle After Another" Chancen auf seinen zweiten Oscar als besten Hauptdarsteller.

Bild: Landmark Media



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Vormerken: Die OSCAR®-Verleihung in der Nacht vom 15. auf den 16. März 2026 ab 23:30 Uhr ansehen


Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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