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Hinter den Kulissen des Traumjobs

"One Piece"-Sprecherinnen verraten: Das passiert im Synchronstudio

Veröffentlicht:

von Martin Meyer

Marie-Jeanne Widera (l.) und Nicolle Gonsior (r.) mit den "One Piece"-Charaktern, denen sie ihre Stimme leihen.

Bild: SARIPICTURE Photography / Sarah Domandl | Eileen Fuhrmann | Eiichiro Oda / Shueisha, Toei Animation


Sie erwecken Anime-Charaktere zum Leben: Synchronsprecher:innen leihen unseren Lieblings-Charakteren ihre Stimmen. Nicolle Gonsior und Marie-Jeanne Widera haben uns Einblicke in ihre Arbeit gegeben und erklären, warum es für Frauen schwieriger ist, Sprechrollen zu bekommen.

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Interview mit Nicolle Gonsior und Marie-Jeanne Widera

Damit Charaktere in Anime sprechen, singen oder ihre Attacken brüllen können, müssen vorher viele Menschen an der Synchronisation arbeiten. Um die Stimmen ihrer Lieblings-Charaktere zu treffen, besuchen viele Fans Anime-Conventions. Wir waren auf einer davon, der Yumekai in Memmingen, und haben dort zwei Kreative aus der Branche interviewt.

Nicolle Gonsior und Marie-Jeanne Widera hatten beide schon zahlreiche Sprechrollen, führen selbst Regie und schreiben Dialogbücher. Für beide spielt auch der inzwischen wohl bekannteste Anime "One Piece" eine besondere Rolle. Nicolle spricht unter anderem Yamato und hat mehrere Songs in der Serie ins Deutsche übertragen. Marie-Jeanne verkörpert Charlotte Flambe und Karuh und führt Dialogregie bei der Live-Action-Version von "One Piece" und dem neuen Anime-Remake der Serie.

Im Gespräch erzählen sie uns, wie die Arbeit im Studio abläuft, warum Anime-Charaktere nicht atmen und welche Schattenseiten der Job mit sich bringt.

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Bei "One Piece" kannst du ihre Stimmen hören

Bei "One Piece" haben unsere Interviewpartnerinnen mehrere Rollen gesprochen. Nicolle Gonsior verkörpert u.a. Yamato und Señor Pinks Frau Russian. Marie-Jeanne Widera spricht u.a. Charlotte Flambe, Karuh und Kouzuki Hiyori (als Kind).

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Was machst du als Dialog-Regisseurin? Wie läuft das Synchronisieren im Studio ab?

Marie-Jeanne Widera: "Als Regie hast du deine Texte, die du entweder selbst geschrieben hast oder deine Dialogbuchautoren. Wenn zum Beispiel Daniel Schlauch ins Studio kommt, der den Ruffy spricht, dann hast du ein Tagespensum von so und so vielen Takes, die er sprechen muss. Ein Take ist eine Einheit, die darf maximal 8 Sekunden lang sein. Das kann manchmal nur ein Hallo sein oder auch ein längerer Satz. Das wird so oft wiederholt, bis ich als Regie sag: 'Ja, das hat mir jetzt vom Spiel gefallen'. Dann hast du im Studio noch einen Tonmeister oder eine Tonmeisterin, die dann hören, ob das sauber war oder ob da irgendwas geknackt hat. Und der Cutter guckt auf die Länge, weil wir müssen das ja auf die Lippen kriegen. Wenn alle drei Parteien ihr Okay geben, wird der nächste Take gemacht.

Manchmal hast du auch einen Ensemble-Tag. Dann hast du mehrere Sprecher im Studio und gibst denen eine Situation vor. Zum Beispiel: 'Ihr seid gerade auf der Straße und da hinten bricht ein Feuer aus und ihr müsst um Hilfe schreien'."

Nicolle Gonsior: "Ich find Regie total schön, weil ich sehr gern Leute fördere. Was ich nicht gut finde, ist, dass immer nur dieselben Leute besetzt werden seit Jahren. Es ist auch schon online sehr oft kritisiert worden, dass man immer wieder nur dieselben Stimmen hört. Dementsprechend achte ich darauf, dass man Leute reinholt, die schon seit Jahren an der Tür kratzen und sagen: 'Hey, ich bin auch noch da!'"

Was ist die Aufgabe einer Dialogbuch-Autorin?

Marie-Jeanne Widera: "Als Autor musst du die Bücher vorher schreiben. Du hast meistens eine englische Vorlage oder manchmal auch eine deutsche Rohübersetzung. Du als Autor musst dann gucken, dass du es lippensynchron schreibst. Du schreibst Atmer rein, du schreibst Pausen rein. Wenn die Rolle anfängt zu weinen, dann steht Weinen drin. Im Studio kannst du anhand dessen, wie es geschrieben ist, schon sehen, wie der Take später aussehen wird. Dann geht es bei manchen, die routiniert sind, sehr schnell. Die gucken sich das einmal an und dann wird es drauf gesprochen. Je besser die Autoren sind, desto einfacher ist für mich die Arbeit als Regie. Das wird echt unterschätzt. Dass kein Charakter plötzlich voll cool spricht, obwohl der sonst eher gehobener spricht. Wir müssten sonst im Studio korrigieren, dann müssen der Sprecher, der Cutter und der Tonmeister warten. Je besser alle zusammen harmonieren, desto schöner ist dann das Ergebnis."

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Man kann es als Orchester sehen und jeder hat seine Aufgabe. Als Regie bist du Dirigent und dirigierst. Aber alle sind eine Einheit.

Nicolle Gonsior

Du beschäftigst dich auch viel mit Musik. Kannst du da einen kleinen Einblick geben?

Nicolle Gonsior: "Ich schreib auch Songtexte, oftmals von Sachen aus dem Japanischen oder Englischen auf Deutsch. Für "Wholecake Island" hab ich alle Songtexte geschrieben. ‘Nekomamushi, wir wollen dich sehen', den hab ich auch geschrieben. Beim Film "One Piece Red" alles, was untertitelt wurde. Das hab ich so geschrieben, dass man es wirklich singen kann. Nur durften wir es dann doch nicht auf Deutsch einsingen, weil die Japaner uns das nicht erlaubt haben.

Wir machen das auf Deutsch und schicken es übersetzt ins Englische, das Englische wieder ins Japanische. Dann sagen die, ob wir das so nehmen dürfen. Und dann kommt es wieder zurück. Da müssen wir wirklich auf jede Kleinigkeit achten. Da denkt man auch manchmal: 'Das funktioniert so nicht vom Japanischen ins Deutsche'. Ich reime zum Beispiel wahnsinnig gern. Dementsprechend mach ich es mir vielleicht auch oftmals unnötig schwer, aber dann sind die Songtexte auch schöner anzuhören."


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Ist es für Frauen noch mal schwieriger, in der Branche Fuß zu fassen, als für Männer?

Nicolle Gonsior: "Ich kann nur von meiner Perspektive sagen, dass die Männer einfach viel mehr Rollen haben, wie man es auch kennt in den Filmen. Generell werden mehr Männer eingesetzt als Frauen. Dementsprechend ist es im Synchronen genau dasselbe Problem. Wir haben viel zu viele Frauen als Sprecherinnen, die natürlich alle dann um die Rolle buhlen."

Marie-Jeanne Widera: "Ich hab mich selbst da hart reingekämpft. Ich hatte keine Kontakte, gar nichts. Man kann es schaffen, aber es gibt da Unterschiede. Ich hab wirklich gekämpft, ich hab Demos gemacht, hingeschickt: War nicht gut genug. Neu gemacht, wieder hingeschickt, noch mal angerufen. Das ist ein super langer Prozess teilweise, und nur wenn du bereit bist, da Effort reinzustecken, dann schaffst du es. Ich mach auch manchmal Anfängerworkshops, wo die Leute reinschnuppern können. Wenn ich da Leute sehe, die hart arbeiten, denen geb ich immer eine Chance."

Nicolle Gonsior: "Auch wenn die Arbeit per se super schön ist, gibt es auch Schattenseiten. Es gibt Leute im Synchron, die nur durch Sprechen nicht genug Geld verdienen, um ihren Lebensunterhalt finanzieren zu können. Sie müssen noch einen Zweit/Dritt-Job annehmen, so wie wir. Wir machen ja auch deswegen Buch, Regie und dies und das. Viele Sprecher haben noch andere Jobs in einem anderen Bereich."

Marie-Jeanne Widera: "Man muss Opfer bringen. Ich hab auch in NRW gewohnt und als ich dann mehr in München zu tun hatte, musste ich runterziehen. Die Branche ist hart umkämpft. Der Job ist cool, es macht Spaß, man verdient gut. Wenn du nicht bereit bist, dafür Opfer zu bringen, dann wirst du es nicht schaffen. Deswegen viel akquirieren, viele Demos machen, nachfragen, informieren. Da gehört so viel mehr dazu als eine schöne Stimme."

Was sind die Unterschiede bei der Synchronisation von Anime und Realverfilmungen?

Marie-Jeanne Widera: "Bei Real kannst du dich einfach mehr zurücknehmen. Bei Anime ist sehr viel Power. Du musst viel Power an die Stimme geben, auch wenn es ruhige Stimmen sind. Du sprichst meistens mit Stütze. Anders kommt diese Energie, die die Japaner haben, nicht rüber. Die Rollen sind einfach ganz anders."

Nicolle Gonsior: "Bei den japanischen Dingen ist es so, dass wir öfter schreien, dass wir öfter ausflippen, dass wir seltsame Geräusche machen, die so nicht natürlich sind. Aber die gehören einfach dazu. Und im Realen ist alles so, wie wir uns unterhalten. Dann sind wir gerader und natürlicher."

Marie-Jeanne Widera: "Im Real hast du zum Beispiel die ganze Zeit Zwischenatmer. Die musst du dir als Sprecher merken, wenn der Satz losgeht mit Anatmer, Satz, Nasenatmer. Das hast du beim Anime nicht so. Wenn einer nur Anime am Vortag gemacht hat, dann musst du oft sagen: 'Du musst jetzt wieder atmen!'"


Wurden die Anime-Synchronisationen früher anders gemacht? Was mögt ihr lieber?

Nicolle Gonsior: "Ich bin tatsächlich wahnsinnig oldschool. Ich mag die alten Sachen sehr, weil die noch anders gemacht wurden. Die Sprecher standen früher zu mehreren vor dem Mikro und das hört man auch. Die haben wahnsinnig viele geile und auch lustige Sachen gemacht. Die hatten viel mehr Freiheiten. Ich hab mich so oft kaputt gelacht bei so manchen Sprüchen, die kannst du in der heutigen Zeit nicht mehr bringen."

Marie-Jeanne Widera: "Man kann es von beiden Seiten sehen. Heute recherchieren wir einfach mehr. Allein bei der Live Action 'One Piece'. Daniel Schlauch und ich waren beide in der Regie. Wir haben unsere Freizeit damit verbracht, uns die Sachen noch mal anzugucken und alles rauszuschreiben. Wir haben inzwischen sehr, sehr viele Fans in der Branche. Wir recherchieren, wir übersetzen. Ich spreche selbst Japanisch, ich lerne selbst Chinesisch. Ich finde, dass heutzutage viel mehr Recherche da ist als damals. Da haben die gesagt: ‘Komm, bei den Kickers, nennen wir den Typen einfach mal Gregor.’"

Wie fühlt es sich an, auf einer Convention begeisterten Fans zu begegnen?

Marie-Jeanne Widera: "Es ist immer toll, auf 'ne Con zu kommen und auch mal mit den Leuten im persönlichen Gespräch zu sein. Da haben wir hier auf der Yumekai das Glück, dass wir eine Signierstunde haben, wo das auch mit einkalkuliert ist. Dadurch können wir auch mit den Leuten reden und ein paar Fragen beantworten. Wir sind beide selbst vorher auch schon Anime-Fans gewesen. Das heißt, wir wissen, wie es ist, auf der anderen Seite zu sein."

Nicolle Gonsior: "Ich war auch schon als Jugendliche auf Conventions, dementsprechend weiß ich von früher, wie das ist. Ich glaube, jeder von uns hat auch selber jemanden mal gehyped. Bei mir war es der Dominik Auer mit Inuyasha. Ich kann es nachempfinden, dass die Leute sagen: 'Das finde ich cool. Ich will die Leute gerne antreffen, die das machen und ein bisschen mitbekommen, wie das funktioniert.'"

Marie-Jeanne Widera: "Die Arbeit ist ja auch spannend. Es gibt nicht so einen Tag der offenen Tür, wo man mal reingucken kann. Das ist ja alles topsecret. Wir dürfen auch nicht filmen im Studio. Das heißt, es ist spannend, da mal Informationen zu kriegen."


Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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