Tatort-Rezension

Meinung zu "Gefahrengebiet": Darum ist der letzte "Tatort" mit Corinna Harfouch ein würdiger Abschluss gewesen

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von C3 Newsroom

Susanne Bonard (Corinna Harfouch, l.) folgt der Wildnislehrerin Prof. Dara Kimmerer (Anne Ratte-Polle, r.) und bittet sie, sie mit auf die Tour durch den Wald zu nehmen. Finden sie eine Spur?

Bild: rbb / Conny Klein


Sex zwischen Ermittler und Täter trifft auf nasskalte Nacht im Wald trifft auf erotisches Biotop der Berliner Nacht plus Prepper-Wahn - und ein Wolf. Der Abschieds-"Tatort" von Corinna Harfouch war ein Stroboskop an Kontrasten. Den Fans gefiel es nicht. Mir schon.


"Tatort" läuft immer sonntags um 20:15 Uhr


Das war‘s. Nach sechs Fällen ist Corinna Harfouch als Kommissarin Susanne Bonard ab sofort "Tatort"-Geschichte. Ihr Finale in der Folge "Gefahrengebiet" öffnete eine dunkle Wundertüte an Grenzerfahrungen.

Ausgangspunkt: eine für einen besinnlichen Sonntagabend ziemlich zerfledderte Leiche.  Wissend um ihren Countdown als Kommissarin zieht die grummelige Ermittlerin mit einer Waldführerin tief hinein in die Botanik.

Sinnsuche im Stroboskop

Ihr Kollege Kommissar Karow (Mark Waschke) stürzt sich derweil in das Stroboskop-Stakkato des Berliner Nachtlebens - scheinbar mehr auf der Ermittlung nach dem Sinn des Lebens und Leidenschaft als nach einem Mord. Während sich die Kommissarin ihre Angst im Wald weg singt, trinkt und tanzt ihr Gefährte - aus demselben Grund.

Deutscher Klassiker mit Corinna Harfouch

Mensch oder Tier - oder das Tier im Mensch?

Zwischen diesen beiden kontrastreichen Szenarios pendelte "Gefahrengebiet". Dunkle Sets, Zwielicht, Dämmerung, Nebel und die Suche nach Grenzerfahrungen bestimmen die Atmosphäre - mal im nächtlichen Sündenpfuhl Berlins mit Kommissar Karow, mal im dunklen, nebligen Wald mit Susanne Bonard.

Sex hier. Harpune da.

Szenischer Höhepunkt: Der krasse Kontrast zwischen der ausführlichen Sexszene und dem Geschehen im Wald. Während sich die beiden Männer im nächtlichen Berlin streicheln und ihre Körper aneinander reiben, tötet die Kommissarin mit einer selbstbastelten Harpune einen Fisch - und heult wie ein Wolf. Der "Tatort" beweist Mut, macht etwas Neues. Aber hey, wieso nicht …?!

Am Ende des als Ermittlung getarnten Ego-Trips erkennt Susanne Bonard: Es ist keine gute Idee, seinen Selbstwert über einen Job zu definieren, der die reinste Sisyphusarbeit ist. Karows Weg endet weniger ertragreich: Er findet sich nach der leidenschaftlichen Sex-Nacht mit dem Prepper auf einem Sperrmüllhaufen wieder - ohne tiefgehendere Erkenntnisse, aber ziemlich berauscht.

Abgang im Dämmerlicht

Am Ende packt Bonard die Abschiedskarte der Kolleg:innen mit der Aufschrift "Richtig kacke, dass du gehst" in den Karton. Dann schleicht sie sich davon - ganz alleine und leise in der Dämmerung der deutschen Hauptstadt, gemeinsam mit dem Wolf.  Die Auflösung: Der Prepper war der Mörder. Wieso der Ermordete aber keine Zehen mehr hatte, wurde nicht erklärt.

Fazit

Beim Sonntagabend-Ritual "Tatort" geht es schon lange nicht mehr um das Krimi-Whodunit-Schema. Das dürfen gern die gefühlt hundert anderen Polizeibeamtinnen und -beamten im deutschen Fernsehen übernehmen. Und für eine Psychoanalyse lieferte "Gefahrengebiet" grenzwertige, starke Bilder.

Was hängen bleibt

Bestes Zitat: "Niemand sieht einen Wolf. Außer natürlich er will, dass du ihn siehst."

Heftigstes Bild: Bonard legt sich neben die Leiche und streichelt vorsichtig ihre Wangen - beziehungsweise das, was davon übrig ist.

Beste Szene: Sex zwischen Kommissar Karow und dem Mörder, ausführlich und sinnlich inszeniert.

Bester Sound-Moment: "Der alte Wolf" von Hildegard Knef.

Kurioser Fakt nebenbei: Die Hunde von Frau Odin heißen Geri und Freki - wie die Wölfe des Totengottes Odin.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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