Kino-Kritik
Oscar-Köder mit Perücke: Warum Biopics das langweiligste Genre sind
Veröffentlicht:
von Antje WesselsTimothée Chalamet wird für seine Rolle in der Filmbiografie "Marty Supreme" als heißer Oscar-Anwärter gehandelt.
Bild: IMAGO/Landmark Media
Sie gelten als prestigeträchtig, preisverdächtig und relevant. Und auch bei den Oscars sind sie in diesem Jahr wieder vertreten: Biopics! Filmkritikerin Antje Wessels blickt skeptisch auf falsche Nasen, überdehnte Leidenswegen und Oscar-taugliche Monologe. Verbirgt sich hinter Biografien nichts weiter als formelhafte Langeweile? Zeit, dem wohl überschätztesten Genre die Maske vom Gesicht zu reißen.
Es gibt eine Leinwandkategorie, bei der ich bereits nach den ersten fünf Minuten weiß, wie der Abend enden wird: mit pathetischer Musik, bedeutungsschweren Blicken und mindestens einer Szene, in der sich die Hauptfigur schweißgebadet vor dem Spiegel betrachtet, um uns wortlos mitzuteilen, dass ihr noch Großes bevorsteht. Biopics erzählen wahre Geschichten über echte Personen, fühlen sich dabei aber häufig so lebendig an wie ein Pflichtreferat in der zehnten Klasse. Vorgetragen von jemandem, der selbst keine Lust auf das hat, wovon er da gerade erzählt.
Die Struktur: immer irgendwie gleich. Geboren, gestruggelt, gescheitert und doch wieder aufgestanden. Zwischendurch ein paar Skandale, eine zerbrochene Ehe, ein tränenreicher Monolog - und am Ende der wohlverdiente Applaus. Abspann. Während im Kinosaal noch höflich geklatscht wird, nickt irgendwo in Hollywood ein Oscar-Jurymitglied zufrieden und notiert sich gedanklich: "mutig", "relevant", "wahre Geschichte". Mir schlafen die Füße ein!
Entsetzlich gewöhnlich: Die langweilige Biopic-Formel
Kein Wunder also, dass sich Biopics häufig ähneln. Schließlich folgen sie fast immer derselben narrativen Schablone, die sich über Jahre hinweg als erstaunlich zuverlässig erwiesen hat. Wie eine Checkliste wird der dem Wikipedia-Eintrag zugrundeliegende Lebenslauf abgearbeitet. Die Kindheit: schwierig. Das Talent: früh erkannt. Dann der Durchbruch. Rückschläge. Der tiefe Fall. Erst spät folgt die Erlösung. Der Einfluss auf die breite Masse: immens. Sonst gäbe es schließlich kein Biopic.
In den langweiligsten (und damit leider den meisten) Fällen bleibt alles schön chronologisch, damit bloß niemand den Faden verliert. Echte Widersprüche, unbequeme Leerstellen oder moralische Grauzonen werden dabei gern geglättet, denn das reale Leben ist eben unordentlich. Aber Unordnung lässt sich vermeintlich schlechter vermarkten. Die klassische Biopic-Formel verspricht Sicherheit. Bekannte Figuren haben bekannte Konflikte. Auch der Ausgang ist von Anfang an klar. Man weiß einfach, worauf man sich einlässt. Und genau das macht diese Filme für Studios, Verleiher und Preisjurys gleichermaßen attraktiv.
Entsetzlich reizvoll: Warum Schauspieler:innen Biopics lieben
Mindestens genauso verführerisch ist das Genre allerdings für Darsteller:innen. Ein Biopic ist die wohl eleganteste Abkürzung in Richtung Prestige. Und zwar ganz ohne das Risiko, mit etwas Eigenem zu scheitern. Man muss keine Figur neu erfinden, sondern "nur" jemanden imitieren. Inklusive Akzent, Körperhaltung und ein paar markanter Ticks. Je größer die optische Verwandlung, je akkurater die Manierismen, desto lauter das Raunen im Feuilleton. Im besten Fall ist man in seiner Rolle "kaum wiederzuerkennen", agiert "aufopferungsvoll" oder "verschwindet vollends hinter dem realen Vorbild". All das sind zuverlässige Komplimente, die im Zusammenhang mit Biopics gern von der Filmkritik gegeben werden. Dass dabei oft weniger schauspielerische Tiefe gefragt ist als vielmehr Disziplin im Nachspielen realer Gesten, gerät schnell in den Hintergrund. Hauptsache, die Perücke sitzt und der Leidensweg ist sichtbar. Erkennt das Publikum dann auch noch die reale Vorlage wieder, fühlt man sich angenehm bestätigt.
Entsetzlich (un)glaubwürdig: Der große Wahrheits-Bluff der Biopics
Das wohl größte Verkaufsargument des Biopics ist zugleich sein größter Bluff: der Verweis auf die wahre Geschichte. Filmbiografien genießen von Grund auf einen Vertrauensvorschuss, den sich andere Werke hart erarbeiten müssen. Was auf realen Personen basiert, wirkt automatisch bedeutungsvoller. Selbst wenn Dialoge erfunden, Zeitachsen verbogen und Charaktere bis zur Unkenntlichkeit vereinfacht werden. Komplexe Persönlichkeiten schrumpfen zu klaren Held:innen oder tragischen Opferfiguren, damit am Ende eine saubere Botschaft steht. Dass Geschichte selten so eindeutig verläuft, spielt keine Rolle. Hauptsache, das Publikum verlässt den Saal mit dem Gefühl, etwas gelernt zu haben. Damit simulieren Biopics eine Erkenntnis, ohne sich ernsthaft mit der Widersprüchlichkeit realer Menschen auseinandersetzen zu müssen. Und genau deshalb werden sie so gern als wichtig wahrgenommen, obwohl sie in Wahrheit oft nur besonders aufwendig produzierte Vereinfachungen sind.
Ein richtig gutes Biopic mit Taron Egerton als Elton John
Entsetzlich selten: Wenn Biopics sich tatsächlich etwas trauen
Dabei ist es ja gar nicht so, als ließe sich aus realen Lebensgeschichten nichts Spannendes machen. Man müsste sich nur häufiger trauen, die staubige Biopic-Formel über Bord zu werfen. Das Bob-Dylan-Porträt "I’m Not There" etwa zerlegt seine Hauptfigur bewusst in Facetten und lässt Dylan dafür von gleich mehreren Darsteller:innen verkörpern. "Spencer" interessiert sich weniger für das lückenlose Nacherzählen von Prinzessin Dianas Leben als für einen einzigen seelischen Ausnahmezustand. "Love & Mercy" über die Beach Boys zeigt, dass man eine Künstlerbiografie auch fragmentarisch, widersprüchlich und emotional erzählen kann, ohne dem Publikum dabei alles vorzukauen. Selbst das Elton-John-Musical "Rocketman" wagte den Schritt ins Fantastische, statt Elton Johns Leben wie einen Wikipedia-Eintrag mit Soundtrack abzuspulen. Und auch Christopher Nolans "Oppenheimer" verweigert sich der klassischen Heldenbiografie und erzählt das Leben seines Protagonisten als zersplittertes, subjektives Charakterporträt, das Zeit, Perspektive und Moral bewusst gegeneinander ausspielt.
Man sieht also: Kreative Biopics akzeptieren, dass die Wahrheit nicht im bloßen Abhaken der einzelnen Lebensstationen liegt, sondern dass authentische Stimmung durch Brüche und Unsicherheiten in den Künstlerbiografien entsteht. Doch solange das Genre lieber auf falsche Nasen, Oscar-Tränen und eine stets sichere Dramaturgie setzt, bleibt es genau das, was es so oft ist: entsetzlich vorhersehbar.
"Oppenheimer", "Spencer" und "Rocketman" findet ihr in der Joyn-Mediathek.
Entsetzlich spannend: Welche Biopics können bei den Oscars 2026 überzeugen?
Gerade weil die gelungenen Ausnahmen so selten sind, lohnt sich der Blick nach vorn: Ausgerechnet dieser Oscar-Jahrgang könnte andeuten, dass das Biopic lernfähig ist. Vielleicht werden künftig ja nicht mehr nur große Perücken, sondern auch mutigere Erzählformen belohnt?
"Marty Supreme", lose inspiriert vom US-Tischtennisspieler Marty Reisman, verzichtet bewusst auf biografische Vollständigkeit zugunsten von Überzeichnung und Charakterarbeit. Die adrenalingeladene One-Man-Show von Timothée Chalamet wird aktuell vor allem in den Kategorien "Bester Hauptdarsteller" und "Bestes Originaldrehbuch" gehandelt. Klassischer, aber nicht fantasielos gibt sich "Song Sung Blue" über das Neil-Diamond-Tribute-Duo Lightning & Thunder. Kate Hudson wurde für ihre intensiv-facettenreiche Performance als Claire "Thunder" Sardina überraschend, aber verdient in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin" nominiert.
Ob "Hamnet" ein Biopic im engeren Sinne ist, bleibt diskutabel. Doch gerade deshalb gehört Chloé Zhaos Drama über die Ehefrau von William Shakespeare in diese Reihe. Der Film rückt das Private ins Zentrum und gilt als aussichtsreich für "Beste Regie" und "Bestes adaptiertes Drehbuch". Jessie Buckley ist derzeit sogar Favoritin auf den Titel als "Beste Hauptdarstellerin". Zudem hat der Film Chancen als "Bester Film". Einen stärker atmosphärischen Ansatz verfolgt "Blue Moon", in dem der als "Bester Hauptdarsteller" nominierte Ethan Hawke den Songtexter Lorenz Hart verkörpert. Und selbst der erzählerisch konventionelle "The Smashing Machine" über den Ringer Mark Kerr könnte immerhin mit einem Oscar für "Bestes Make-up und Hairstyling" nach Hause gehen.
Mehr zu den Oscars 2026
Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
Mehr entdecken

Nicht für "The Revenant"!
Für welchen Film Leonardo DiCaprio den Oscar wirklich verdient hätte

98. Academy Awards
Oscars 2026: Die 10 Nominierungen in der Kategorie "Bester Film"

Rührende Reaktion
Michael B. Jordan teilte "Oscar"-News zuerst mit seiner Mutter

Chance auf den Preis
Warum Deutschland dieses Jahr doch bei den Oscars vertreten ist

Musical oder Biopic?
Oscars 2026: Das sind die vielversprechendsten Kandidaten in der Kategorie "Bester Film"

Filmkritikerin Antje Wessels
Die Oscars 2026: Die Favoritinnen der Expertin

And the Oscar goes to …
Oscars 2026: Die Nominierungen im Überblick

98. Academy Awards
Oscar-Filme 2026: Die 5 Nominierungen in der Kategorie "Beste Hauptdarstellerin"

Die Award-Saison steht an
Vorschau für die Oscars 2026: Die Favoriten in der Kategorie "Bester Hauptdarsteller"





