Geht nicht gibt's eben doch!

Hollywood Unfiltered: Das sind die wahren Bad Cops im Showbusiness

Veröffentlicht:

von Silke Burmeister

Wer macht in Hollywood eigentlich die Regeln? Und was hat Sandra Bullock (r.) damit zu tun? Reporterin Silke Burmeister gibt uns exklusive Einblicke.

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Hollywood ist Glamour, Blitzlichtgewitter und rote Teppiche. Aber hinter all dem Glanz existiert eine Spezies, die mächtiger ist als jeder Oscar: die Publicists, also die PR-Manager.

Silke Burmeister ist Journalistin, kommt ursprünglich aus Deutschland, lebt aber bereits seit vielen Jahren in Los Angeles. Als rasende Hollywood-Reporterin ist sie für Joyn und ProSieben bei den Oscars unterwegs, trifft Promis auf Red-Carpet-Events und blickt hinter die Kulissen der Film-Metropole.

In der Rubrik "Hollywood Unfiltered" berichtet sie auf "Behind the Screens" von ihren kuriosesten Erlebnissen und Storys aus L.A.. Zum Beispiel zur folgenden Frage:

Wer macht eigentlich die Regeln in Hollywood?

Sie entscheiden, wer mit uns Journalist:innen spricht, was gesagt werden darf und wann ein Interview plötzlich … "nicht freigegeben" werden kann. Sie beschützen ihre Celebrity-Clientele und nehmen uns Journalist:innen genau unter die Lupe. PR-Manager und Promi spielen Good Cop, Bad Cop, und wir sind mittendrin.

Eine meiner unvergesslichsten Begegnungen hatte ich bei einem Interview mit Sandra Bullock für den Film "Taffe Mädels."

Hollywood-Junkets: Irgendwas zwischen Brunch und Bootcamp

Der Pressetag, auch "Junket" genannt, fand im Four Seasons Hotel in Beverly Hills statt. Natürlich mit Brunch. Bevor wir Fragen stellen dürfen, sollen wir offenbar satt und glücklich sein. Croissants, frisch gebackene Waffeln, Omeletts, Mini-Bagels mit Lachs, O-Saft, Kaffee mit allem, was gerade trendy ist: Hafer-, Mandel- oder Sojamilch. Bis zu 50 Journalist:innen aus aller Welt lassen sich ein wenig verwöhnen, schließlich helfen wir, Filme global zu vermarkten. Perfekter Brunch, perfekter Start in den Tag. Was soll da schon schiefgehen?

Junkets sind nicht nur Pflichttermine für Presse und Stars, sie sind auch eine Kunst: Jede Antwort muss sitzen, jede Minute ist getaktet, und trotzdem soll der Star entspannt und nett wirken. Kein Wunder, dass Manager:innen da jeden Schritt genau beobachten.

Endlich bin ich dran, und es geht in die Hotel-Suite zu Sandra. Auch heute spüre ich immer noch diesen kleinen Adrenalinschub, wenn mein Name aufgerufen wird: Eine Mischung aus Vorfreude, Lampenfieber und dem Wunsch, alles richtig zu machen.

"Jede Sekunde zählt": Zwischen Kamera-Chaos und Gänsehaut

Sandra Bullock sitzt neben ihrer Co-Darstellerin Melissa McCarthy. Sie haben bereits einige Interviews hinter sich. Drei Kameras sind aufgebaut: eine auf mich, eine auf die beiden Schauspielerinnen, ein Close-up auf den Star, der jeweils spricht. Vier bis fünf Minuten pro Interview. Mehr nicht. Keine Zeit für Warm-up, kein Platz für Komplimente oder ein echtes Kennenlernen. Manchmal sage ich nur noch: "Silke for Germany." Fertig. Jede Sekunde zählt. Das schreibe ich mit einem Augenzwinkern, aber es ist tatsächlich so: Unsere Auftraggeber erwarten unterhaltsame Antworten, für einen Print-Artikel oder, wie in meinem Fall, für einen TV-Beitrag.

Ich bin begeistert. Sandra ist genauso strahlend und herzlich, wie ich sie mir vorgestellt habe. Die Schauspielerin hat dieses warme, unkomplizierte Lächeln, das wir auch aus ihren Filmen kennen. Plötzlich antwortet sie auf Deutsch. Ein kleiner Gänsehautmoment. Persönlich. Echt.

Spielzeug, schlaflose Nächte und ein gecanceltes Interview

Und dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet habe: der Speed-Star beginnt über ihr Kind zu sprechen. Sandras Sohn war damals um die drei Jahre alt. Dieses wunderbar freche Alter, in dem nichts sicher ist und alles kommentiert wird. Sie erzählt lachend von Spielzeug auf dem Boden und schlaflosen Nächten. Eine Mutter, die sichtbar Freude daran hat, aus ihrem ganz normalen, turbulenten Alltag zu berichten.

Ich denke nur: Cool. Meine Redaktion in Deutschland wird sich freuen. Denn für viele Celebrities ist das Familienleben absolutes Sperrgebiet. Irgendwie verständlich. Schließlich geht es hier um ihren Beruf, und trotzdem ist es oft einfacher, Filme zu promoten, wenn man einen persönlicheren Ansatz findet.

Sandra Bullock spricht auch über die Vorbereitung auf ihre Rolle, über die Chemie mit Melissa, über Drehtage, die mehr Lachanfälle als Takes hatten. Es läuft. Vielleicht zu gut?

Ich verabschiede mich ebenfalls mit einem Big Smile. Keine zehn Schritte später trifft mich diese Ansage aus dem Nichts: "Das Interview kann nicht freigegeben werden."

Mein Interview-Desaster mit Sandra Bullock

Die Worte kommen von Sandras PR-Agent, der sich ebenfalls in der Suite befand. Kurz wird mir übel, denn in Hollywood kursiert der Mythos der sogenannten Blacklist: Journalist:innen, die die "falschen" Fragen stellen, kommen auf diese Liste und werden nicht wieder zu Interviews mit entsprechenden Promis eingeladen.

Ich erkläre, dass ich nicht einmal nach ihrem Sohn gefragt habe. Sandra selbst brachte das schließlich Thema auf. Vielleicht war es das Deutsche, vielleicht die Offenheit, vielleicht Melissa McCarthy daneben. Beide Schauspielerinnen zusammen waren locker. Ich hatte Melissa bewusst wieder auf Englisch eingebunden, den Fokus gewechselt. Natürlich hätte ich auch nur Deutsch mit Sandra sprechen können - ein seltener, exklusiver Moment. Aber dann wäre ich vermutlich beim nächsten Junket raus gewesen. Ich rufe direkt meine Auftraggeberin an und beichte: Ich habe kein Material. Kein Interview-File. Diesmal geht es ohne Chip nach Hause.

Ein paar Tage nach meinem kleinen Desaster bekomme ich eine E-Mail: Das Interview ist da. Komplett. Nichts geschnitten. Nichts gelöscht. Die Panik war umsonst - oh Mann!

Was macht ein gutes Interview aus?

Ein erfolgreiches Interview ist also mehr als nur fünf Fragen. Es ist Timing, Technik, Fingerspitzengefühl, kleine, wertvolle Momente und eine Prise Glück, während der Bad-Cop-Publicist im Hintergrund sitzt, alles beobachtet und bei Bedarf eingreift - ob ich das als Journalistin gerechtfertigt finde oder nicht.

Zwischen Waffeln und Omeletts wird ab und zu ein bisschen zu heiß gekocht, aber ein wenig Aufregung gehört eben dazu, sonst wären wir ja nicht in Hollywood. Am Ende zählt nur eins: Sandra Bullock war genauso charmant und sympathisch, wie man es sich nur hätte wünschen können.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.

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