Dem Mörder auf der Spur
True Crime alter Schule: So findet Filmkritikerin Antje Wessels die Serie "Homicide Hunter"
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von Antje Wessels"Homicide Hunter - Dem Mörder auf der Spur" zeichnet die Ermittlungsarbeiten bei realen Mordfällen nach.
Bild: Joyn
True Crime boomt: Vor allem Podcasts, aber auch Film, Fernsehen und Streaming-Formate erzählen von realen Kriminalfällen. Ein frühes Beispiel ist "Homicide Hunter", das seit über 14 Jahren läuft und die Frage aufwirft, ob man solche Sendungen angesichts realer Mordfälle bedenkenlos konsumieren kann.
Seit 2011 ist die TV-Serie "Homicide Hunter - Dem Mörder auf der Spur" ein fester Bestandteil des US-amerikanischen Fernsehabends. Seit 2015 ist sie auch in Deutschland zu sehen. Aktuell sind alle acht Staffeln bei Joyn abrufbar. In "Homicide Hunter" lässt der frühere Mordermittler Lieutenant Joe Kenda seine prägnantesten und meist auch ziemlich verstörenden Fälle Revue passieren. Jede knapp einstündige Folge öffnet eine Akte aus Kendas Dienstzeit beim Colorado Springs Police Department. Die Serie rekonstruiert die Spurensicherung und Verhöre durch Nachstellungen und Zeitzeugen-Interviews. Und sie begleitet Kenda dabei, wie er Schritt für Schritt die Ermittlungsarbeit, die Fehler, die Wendungen und schließlich die Aufklärung beschreibt.
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"Homicide Hunter": Format und erzählerisches Konzept
Jede Folge behandelt einen Fall oder eine eng zusammenhängende Fallgruppe. Dabei erzählt Joe Kenda entweder selbst von seinem Vorgehen, es werden Interviews mit beteiligten Ermittler:innen, Familienangehörigen und manchmal Täter:innen oder Zeug:innen gezeigt oder die Taten und Verhöre von Schauspielern nachgestellt.
Diese Mischung aus persönlicher Schilderung, dokumentarischem Material und dramatischer Nachstellung ist typisch für das moderne True-Crime-TV und schafft Nähe zum Ermittlungsprozess. Gleichzeitig erzeugt sie Spannung. Das ist wichtig, um das Interesse an den Fällen aufrechtzuerhalten. Vor allem aber bleibt "Homicide Hunter" dadurch immer nah an den realen Fällen, ohne gezielt etwas hinzuzudichten. Damit hebt sich die Serie an dieser Stelle positiv von allzu sehr fiktionalisierten Serien wie etwa dem Netflix-Format "Monster" ab. In diesen gehen echte Ereignisse und ausgedachte Szenerien oft Hand in Hand. So weiß man am Ende nicht mehr, was Wahrheit und was Fiktion ist.
"Homicide Hunter": So wichtig ist Joe Kenda für die Serie
Joe Kenda steht im Fokus der True-Crime-Serie "Homicide Hunter".
Bild: Joyn
Die Serie fußt vollständig auf der Biografie und den "Murder Books" von Joe Kenda. Kenda war von 1973 bis 1996 beim Colorado Springs Police Department tätig und arbeitete über zwei Jahrzehnte in der Mordkommission. Seine Erfolgsquote liegt - eigenen Angaben zufolge - bei etwa 356 gelösten von 387 Fällen. Eine Zahl, die zu seiner Legendenbildung beitrug und das Ausgangsmaterial für die Show lieferte. Produzenten und Sender erkannten im Erzähler Joe Kenda eine klassische, glaubwürdige Figur: nicht professionell geschult als TV-Moderator, sondern ein Ermittler mit trockenem, schnörkellosem Erzählstil, schwarzem Humor und unverblümter Analyse.
Vorausgesetzt, diese Erfolgsquote von rund 92 Prozent stimmt, erachte ich Joe Kenda insgesamt als ein geeignetes, da ernstzunehmendes Gesicht für eine True-Crime-Serie. Auch wenn es hin und wieder Kritik an seiner Person gibt. Doch gehen wir erst einmal davon aus, dass seine Schilderungen der Wahrheit entsprechen. Auch dass er sich vor der Kamera nicht als Entertainer präsentiert, spricht in meinen Augen für seine Ermittler-Kompetenz. Darüber hinaus ist ihm seine Leidenschaft für den Beruf anzumerken. Das macht ihn zu einem angenehmen Erzähler. Er verknüpft seine persönlichen Täter- und Opfergeschichten und ordnet sie in die polizeilichen Ermittlungen ein. Das sorgt dafür, dass ich mich als Zuschauerin bei ihm in guten Händen fühle.
Neben dem glaubwürdigen Gesicht von "Homicide Hunter" ist "Murder Books" eine authentische dramaturgische Quelle für die Serie. Die Akribie der Aktenarbeit liefert konkrete Ermittlungs-Beweise, Wendepunkte und psychologische Profile, die die Fälle erzählerisch tragen. Die Kombination aus Personal Storytelling und dokumentarischer Transparenz sorgt für eine persönliche Perspektive, mit der ich mich als Zuschauerin identifizieren kann.
Man sagt, ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Ein Tatort erzählt eine Geschichte - aber nur, wenn man weiß, wie man zuhört.
Die Stärken und Schwächen der Serie
Da "Homicide Hunter" kein reines Interview-Format ist, sind die Produzenten gezwungen, die Fälle ansprechend zu bebildern. Dies geschieht mit hochwertig produzierten Nachstellungen der Ereignisse. Doch genau diese Nachstellungen bedienen immer auch ein Stück weit die voyeuristische Neugier. Schließlich würde es für die Nacherzählung des Falles genügen, auf Interviews und eine Erzählstimme zurückzugreifen. An dieser Stelle kollidiert das Vorhaben, mit "Homicide Hunter" einfach nur von den Ermittlungen in wahren Kriminalfällen zu erzählen, mit dem fehlenden Respekt gegenüber Opfern und Angehörigen. Ein Kritikpunkt, den ich persönlich am True-Crime-Genre generell hege. Genauso wie die häufige Fokussierung auf den Täter oder die Täterin. In "Homicide Hunter" bleibt wenigstens die Glorifizierung der Mörderinnen und Mörder aus.
Hin und wieder frage ich mich aber auch, wie sehr sich Joe Kenda in seiner Serie selbst mythologisiert. Wie realistisch ist seine enorme Lösequote? Wie kalkuliert sind seine häufig sehr pointierten Aussagen? Wie verlässlich sind seine Anekdoten? Manchmal kommt es sogar vor, dass seine Kolleg:innen und Archivmaterial ein wenig an Kendas Äußerungen vorbeigehen. Darüber hinaus wurde im Zuge der Produktion bekannt, dass einige von Kendas Mitarbeitenden manche Zahlen und Formulierungen hinterfragt haben. Das kratzt ein wenig an der Glaubwürdigkeit des Erzählers.
Was ihn wiederum auszeichnet, ist seine häufige Thematisierung dessen, wie belastend derartige Ermittlungen für die Polizei sein können. Trauma und das "Nachwirken" ungeklärter oder grausamer Fälle verstärken den menschlichen Zugang zur Serie und verdichten sie emotional. Das ist zwar weit entfernt von sachlich-nüchterner Berichterstattung, aber es schafft ein glaubhaftes Gefühl für sämtliche Bereiche der Ermittlungen. An dieser Stelle finde ich "Homicide Hunter" wesentlich gelungener, da zurückhaltender als zahlreiche andere Formate ihrer Art. Die Serie verzichtet weitgehend auf Spekulation oder effekthascherische Cliffhanger. Spannung entsteht vor allem aus dem Gesagten. Mord ist hier kein Rätsel, sondern die Realität, die gelöst werden muss.
True Crime = Sensationslust?
Der Erfolg von "Homicide Hunter" steht exemplarisch für das zentrale Spannungsfeld des True-Crime-Genres: Wo endet dokumentarische Aufklärung, wo beginnt die Dramatisierung realen Leids? Zwar präsentiert sich die Serie betont sachlich und vermeidet visuelle Sensationslust. Doch auch sie nutzt narrative Mittel wie Nachstellungen, Spannungsbögen und pointierte Kommentare, um ihr Publikum zu binden. Die Morde sind real, die Opfer reale Menschen. Ihre Geschichten werden jedoch zwangsläufig neu gerahmt, verdichtet und aus der Perspektive eines Ermittlers erzählt.
Diese Fokussierung stellt polizeiliche Logik und Auflösung über die Perspektive der Hinterbliebenen und kann das Geschehen rückblickend "abschließen", wo für Betroffene kein Abschluss existiert. Zugleich liegt gerade hierin die Stärke der Serie: Sie macht Ermittlungsarbeit transparent, entmystifiziert Täterfiguren und lenkt den Blick auf Ursachen, Entscheidungen und Fehler statt auf bloßen Schrecken. "Homicide Hunter" bewegt sich damit auf einer schmalen Gratlinie zwischen notwendiger Erinnerung und konsumierbarer Erzählung. Sie verdeutlicht aber auch, dass True Crime nur dann verantwortungsvoll funktioniert, wenn Zurückhaltung, Kontext und reflektierte Distanz gewahrt bleiben.
Auf Joyn könnt ihr alle acht Staffeln von "Homicide Hunter - Dem Mörder auf der Spur“ streamen.
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Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf Joyn.de ('Behind the Screens' Deutschland) veröffentlicht.
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